Fragen

„An was denkst du gerade?“

Ulis Stimme riss mich aus einem Gedanken, den ich lange verdrängt hatte.
Ich dachte an diesen Tag, als ich aus der Schule kam, da war ich in der ersten Klasse. Der Tag fing an wie jeder andere damals. Meine Mutter weckte mich, machte mir Frühstück und schickte mich auf den Weg. Als ich nach Hause kam war aber etwas anders als bisher. Es war eine seltsam bedrückende Stimmung. Meine Eltern saßen im Wohnzimmer und schwiegen sich an. Nur ein kurzes „Hallo“ von mir „ich geh in mein Zimmer.“ In der Küche wollte ich mir noch was aus dem Kühlschrank holen, da sah ich diesen Zettel. Auf ihm stand etwas, das für mich unfassbar war damals: Ich gehe fort, du brauchst mich nicht zu suchen.

Genau das stand da auf dem Zettel in der Schrift meiner Mutter.
Ich weiß bis heute noch nicht, was da vorgefallen war. Ich fragte einige Zeit später danach, meine Mutter sagte: Da war nichts. Daraufhin fragte ich nie wieder.
Damals verursachte es mir schlaflose Nächte, ich mit meinen Fragen, auf die keiner eine Antwort gab.

So wie dies wurden viele Dinge bei uns nicht angesprochen, ausgesprochen. Das hab ich nie gelernt als Kind – Dinge auszusprechen – lieber Schweigen, warten, aussitzen, festhalten, unangenehmem aus dem Weg gehen. So etwas prägt.

Diese anerzogene Verhaltensweise brach ich an meinem 35sten Geburtstag, als ich meinem Mann sagte: „Ich will nicht mehr mit dir Zusammenleben.“

Damit kehrte ich alles nach außen, was ich all die Jahre nach innen gelebt hatte.

„Bereust du es?“

Über diese Frage hab ich schon sehr viel nachgedacht. Meine Antwort darauf ist bisher immer die gleiche, egal, welches „Szenario“ ich im Gedanken durchspielte.

„Nein, ich bereue es nicht.“

„Erzähl doch weiter“ forderte er mich auf.

Ich sah ihn an: „Jetzt nicht – wahrscheinlich bald.“

 

 

 

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© Christine Münzenberger

 

 
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