Rückkehr

(kleine Satire über die Rückkehr des Messias)

 

"Es ist Zeit, auf die Erde zurück zukehren. Die Menschen haben es verlernt, den Anderen mit Respekt und Achtung zu begegnen. Lehre die Menschheit, wie du es schon einmal getan hast." Und mit diesen Worten wurde Jesus auf die Erde zurück geschickt.

 

Es war einer dieser hektischen Vormittage in der Fußgängerzone, als wie aus dem Nichts dieser Mann auftauchte. Er sah aus, wie einer dieser Hippies aus den 70er Jahren - lange Haare, Stoppelbart, barfuss und in Tücher gehüllt - keine sehr gepflegte Erscheinung. Er sah sich eine zeitlang um, beobachtete das unstete Treiben um sich herum. Die Menschen, die an ihm vorbei liefen, achteten nicht auf ihn, starrten mit leeren Augen vor sich hin.  Wie in einem Ameisenhaufen, jeder ging seiner Beschäftigung nach, ohne nach links oder rechts zu blicken.

Er holte Luft und erhob seine Stimme: "Ich bin zurück und möchte euch lehren." Keiner nahm Notiz von ihm. Ein älterer Mann ging an ihm vorbei, schüttelte mit dem Kopf und murmelte nur: "Spinner".

Er versuchte es erneut: "Hört mir zu, was ich euch zu berichten habe."

"Hey du!" kam eine Stimme von dem Imbissstand. "Mach dich vom Acker, betteln ist hier verboten. Du vertreibst mir die Kundschaft."

"Ich will doch nur meine Worte verkünden." erwiderte er leise.

"Das kannst du ein Stück weiter die Strasse runter probieren, da ist eine Kirche - da kannst du sicher was verkünden, du siehst so aus, als würdest du da hingehören. Aber nun mach, dass du Land gewinnst, sonst rufe ich die Polizei." hallte es ihm vom Imbissstand entgegen.

So machte er sich dann auf, in die Richtung, in die der Mann vom Stand gezeigt hatte. Kurze Zeit später erreichte er die Kirche und trat ein. Er sah ein Haus voll Prunk und Pracht, am Altar  erkannte er ein Kreuz, hielt einen Moment inne und erinnerte sich mit Schmerzen an seine erste Zeit bei den Menschen.
 "Hier kennt man mich noch - gut." Er schritt nach vorn zum Altar. An seiner Seite sah er in den Kirchenbänken die Menschen schweigend sitzen. In seinem Inneren hörte er ihre Stimmen, wie sie zweifelnd flehten, bittend um Erlösung beteten. Am Altar angekommen erhob er erneut seine Stimme, wie schon in der Fußgängerzone: "Ich bin zurück gekehrt und möchte euch lehren."
Einige wenige blickten hoch und senkten gleich wieder ihren Kopf. Er hörte ihre Gedanken: Noch nicht mal hier hat meine seine Ruhe vor solchen Typen.
"Hört doch, ich bin es, zu dem ihr betet - zu mir und meinem Vater." Und schon kam der Pfarrer zu ihm.
"Wenn sie hier beten möchten, dann tun sie das bitte still im Kirchenschiff und nicht auf der Kanzel." sprach er leise zu ihm.

"Erkennst du mich denn nicht? Ich bin es: Jesus. Hier kannst du mich doch jeden Tag sehen." und er zeigte auf das Kreuz.

Der Pfarrer holte einen tiefen Luftzug: "Setzten sie sich bitte hier in eine der Kirchenbänke und warten sie, ich werde gleich zurück sein." Und schon war er wieder auf dem Weg ins Pfarrhaus. Dort rief er die Polizei und schilderte, was sich in der Kirche zugetragen hatte.

Ein kleine Weile später erschien der Pfarrer in Begleitung, zwei Polizisten und zwei Sanitäter waren an seiner Seite. "Hi Jesus, komm doch mal mit raus vor die Tür." Hörte er den einen Polizisten flüstern. Er fing an zu lächeln: "Du hast mich erkannt, ich freue mich." Stand auf und folgte dem Polizisten, die anderen gingen ihnen nach. Die Sanitäter tuschelten miteinander, aber er konnte nicht verstehen, was sie sagten.
"So Jesus, dann zeig mir doch mal deinen Personalausweis." grinste ihn der Polizist an.

"Was ist ein Personalausweis?" fragt er ganz unverständig.

"Wenn du dich nicht ausweisen kannst, werden wir dich wohl mit auf die Wache nehmen müssen." Sprach nun der Polizist schon etwas ungehalten. Jesus erinnerte sich an seine letzte Verhaftung. Er drehte sich um und wollte zurück in die Kirche. "Bleib stehen, sonst hast du neben Belästigung, Betteln und Erregung öffentlichen Ärgernisses auch noch Widerstand gegen die Staatsgewalt am Hals." schrie ihm der Polizist entgegen. Der eine Sanitäter sprang zu ihm und er verspürte einen Stich im Arm. Als die Welt begann, um ihn zu verschwimmen, hörte er noch die Stimme des Sanitäters: "Der ist bei uns glaub ich vorerst besser aufgehoben." Und es wurde schwarz um ihn.

Sie legten ihn auf ihre Bahre, schoben ihn in den Krankenwagen und fuhren ihn hinaus aus der Stadt. Nach kurzer Fahrtzeit hatten sie ihr Ziel erreicht - ein großes Gebäude aus grauem Beton, an der Einfahrt stand ein großes Schild: Geschlossene Anstalt der Psychiatrie.

Er erwachte in einem kleinen, engen, vergittertem Raum. Richtig bewegen konnte er sich nicht, sie hatten ihn auf das Bett geschnallt. Er hörte ein Surren, dass von der Kamera über der Tür kam. Kurze Zeit später ging die Tür auf. Ein Mann in einem weißen Kittel trat ein und stellte sich als Stationsarzt vor. Er versprach ihm seine Fesseln abzunehmen, wenn er sich ruhig verhalten würde. So nickte er nur, dann wurde er abgeschnallt.

In der Lokalpresse erschien ein kleines Bild, unter ihm stand: Wer kennt diesen Mann? Bitte melden.
Doch keiner meldete sich.
In den folgenden Tagen wurde er viel untersucht, viele Ärzte machten viele Tests mit ihm und unterhielten sich mit ihm. Als Ergebnis notierten sie: verwirrt und geistig zurückgeblieben - stationäre Behandlung empfohlen. So kam es, dass ein Gericht entschied - ohne ihn selbst nochmals anzuhören - dass er in der Klinik verbleiben solle, bis seine Identität geklärt wäre oder sich eine Besserung einstellen würde.

Und so blieb er dort, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr.
Ab und zu kam ein Pfleger und sagte grinsend zu ihm: "Heute ist noch ein Jesus bei uns eingeliefert worden, ihr könnt bald einen Verein aufmachen."

Er versuchte es immer wieder einmal, den Menschen zu erklären, wer er ist und was er möchte, aber es endete meist damit, dass er Medikamente bekam.


Eines Abends in seinem Zimmer fing er ein Gespräch an: "Hörst du mich Vater? In meinem Inneren höre ich die Menschen wieder und wieder nach dem Messias rufen, ich höre sie, wie sie beten und versprechen, an dich und mich zu glauben. Nun bin ich da und was passiert? Ich werde ruhig gestellt. Was ist nur mit den Menschen los?"

Und da hörte er eine Stimme: "Sie glauben an den Glauben, aber nicht wirklich. Wenn du ihnen den Weg zur Erlösung zeigen möchtest, stoßen sie dich weg. Die Menschen leiden gerne. Sie schlagen heute auch niemanden mehr an ein Kreuz, sie haben die Methoden verfeinert, aber letztendlich mit dem gleichen Ergebnis. Ich werde auf die warten, mein Sohn, bis du zu mir Heim kehrst. Irgendwann werden wir es noch einmal versuchen mit den Menschen, in der Hoffnung, dass sie lernen, einfach nur zu glauben und nicht zu zweifeln."

 

 

 

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© Christine Münzenberger Juli 2005

 

 
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