Vergessener Freund

Hallo, erinnerst du dich an mich?", diese Frage kam aus der Ferne zu mir, ich konnte erst gar nicht erkenne, wer da zu mir sprach. Ich suchte, dann sah ich ihn. Dann konnte ich ihn plötzlich sehen, er stand direkt vor mir, wie früher, groß, blond, langhaarig und strubbelig, blauäugig, kaputte Jeans, fleckiges Sweatshirt, schmuddelige Turnschuhe, dicke Nickelbrille und grinste.
"Das darf doch wohl nicht wahr sein, du bist Uli!" hörte ich mich selbst freudig sagen. "Aber du bist doch schon lange tot."
"Ja und? Wir waren doch damals die besten Kumpels in der Schule. Ich bin hier, damit ich dir beim Erinnern helfe."
"An was soll ich mich denn erinnern?", fragte ich ungläubig.
"An alles was war sollst du dich erinnern, du hast schon viel vergessen in deinem Leben." Da hatte er recht, vergessen, verdrängt.
Nun war er aber da, so wie ich ihn damals kennen lernte, nur eben als Engel.
 Ich war da so 14 Jahre alt, er der neue Mitschüler. Neben mir war noch ein Platz frei, wir saßen damals in Viererbänken in der Schule, es war eine Realschule. Er war vom Gymnasium abgegangen und wurde in unsere Klasse eingeteilt. Er war wohl das, was man damals einen Ausgeflippten nannte. Er hatte die falsche Kleidung, die falschen Ansichten, überhaupt ein Querulant. Ich hegte noch die Hoffnung, das er sich zwei Reihen hinter mich setzte, da war neben Achim noch ein Platz, aber Uli steuerte auf den Platz neben mir zu. Er grinste mich an, hob die Hand zum "Victory-Zeichen" und sagte "Peace". Ich musste lachen. Das war der Beginn einer wirklich schönen Freundschaft, die leider jäh ein Ende fand.
Ulis Hobby war klettern im Pfälzer Wald. In der kurzen Zeit die ich ihn kannte brachte er mir allerhand Knoten bei, die man so beim Klettern braucht, ein oder zwei kann ich davon noch knoten - es ist alles sehr lange her.
Er starb damals, als ich 16 war bei einem Autounfall, er sollte im Monat darauf 18 werden. Uli war unterwegs zu einer Klettertour mit Freunden. Er saß hinten im Auto in der Mitte. Zu fünft waren sie, kamen von der Straße ab, das Auto überschlug sich, die vier anderen sind mit Verletzungen davon gekommen, Uli starb noch an der Unfallstelle.
Seine Mutter rief mich an diesem Wochenende an, sie wusste, das wir die besten Kumpels waren. Montags erzählte ich es in der Schule - sie wollte es so.
Auf der Beerdigung von ihm gab es wenig Blumen und Kränze, seine Eltern spendeten das Geld einer gemeinnützigen Organisation, es sollte nicht alles verwelken.
Mit ihm habe ich damals meine Vertrauten verloren, den Menschen, der alles über mich wusste, über den ich alles wusste.
Und jetzt ist er wieder da. Ganz plötzlich, wie damals im Klassenzimmer.
 

Ich werde mal sehen, an was ich mich alles mit seiner Hilfe erinnern werde.

Mit ihm hab ich immer sehr viel gelacht - und auch geweint.

 

 

 

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© Christine Münzenberger

 

 
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