Von Drachen und Menschen

 

Vorgeschichte. 1

Frühlingserwachen.. 3

Kleiner Drache ganz groß.. 4

Durch Wüsten und Wälder. 7

Lulu.. 10

Rokina. 12

Lichtgewitter. 15

Der Sumpf der verlorenen Seelen.. 17

Die rote Perle Karlodorns. 20

Glutwolke. 25

Die Lichtperle. 28

Ostwind. 32

Greta vom Eiswald. 33

Feuerballblume. 38

Julga und Bulga. 40

Der Rückweg. 44

Karlodorns Garten.. 46

Sonnenregen.. 49

Die verschwundene Kreuzung. 50

Clarissa. 52

Labyrinth.. 54

Clarissas Geheimnis. 57

Der Schatten der Wahrheit 59

Shalilas Band. 63

Verborgen.. 64

Bin gleich zurück. 68

Es gab einmal eine Zeit, in der die Drachen und Menschen in friedlichem Einklang miteinander lebten. Es waren wundervolle Tage, Tage der Harmonie und des Glücks. Die Drachen halfen den Menschen Feuer zu entfachen, die Menschen gaben ihnen dafür ein Heim in ihrer Mitte.

Eines Tages jedoch geschah es, dass ein Haus in Flammen aufging und die Menschen die Schuld den Drachen gaben. Sie wurden verbannt, weit weg von alldem, was ihnen bisher lieb und teuer war. Die Drachen zogen sich zurück ins weit entfernte Kristallgebirge, wo sie von da ab in Höhlen wohnten.

Den Menschen wurden gar nicht gewahr, was sie da getan haben, denn Drachen sind die Bewahrer der guten Eigenschaften der Menschheit. Sie ignorierten, dass ihnen von diesem Tag an ein Stück ihres Selbst fehlte. In ihrem Hochmut sagten sie sich: "Wer braucht schon Drachen, inzwischen können wir selbst Feuer machen und es am Brennen halten. Verbannen wir sie für immer aus unseren Leben." Und so geschah es auch.

Die Menschen taten den ersten Schritt. Sie lernten sich alles zu Eigen zu machen. Der Nährboden für den Neid war aufgetan. Die Menschen hatten auf einmal Augen für das, was andere konnten, wurden neidisch darauf und habgierig. Mit den Drachen verschwanden auch die Träume aus ihrem Leben. Es begann nur noch das zu zählen, was man hat und nicht das, was man ist.

Der Friede war vorbei.

Die Drachen im Kristallgebirge beobachteten von Weitem, was sich die Menschen da antaten. Sie weinten nach innen, so dass ihr Feuer erlosch und die meisten aus Kummer daran starben. Es blieben nur noch sehr wenige übrig.

Unter den Drachen wurde eine Legende geboren. Sie erzählte von dem ersten Drachen, der irgendwo ganz weit draußen hinter der Milchstraße wohnt. Er weinte auch über das Schicksal, dass den Drachen und den Menschen widerfuhr. Jede seiner Tränen verwandelte sich in eine Perle, die Drachen nannten diese die Perlen der Weisheit. Sollte es gelinge, jede einzelne von ihnen zu finden und zu einer Kette zu knoten, so würde das Glück auf die Erde zurückkommen.

Die Drachen wussten, dass hinter jeder Legende ein Stückchen Wahrheit steckt. Sie begannen zu warten, zu warten, dass ein Wunder geschieht.

Nach fast unendlich scheinender Zeit geschah das Wunder an einem Frühlingsmorgen.

Die sieben letzten der Drachen, die seit Jahrhunderten in ihren Höhlen im Kristallgebirge wohnten, erwachten gleichzeitig aus einen langen Schlaf bei Sonnenaufgang.

Wie durch eine magische Kraft befohlen traten sie vor ihre Höhlen. Und dann standen sie da im Sonnenschein auf der Wiese, die letzten sieben ihrer Art. Sie sahen sich erst gar nicht, durch das lange Leben in der Dunkelheit der Höhle waren sie fast blind geworden. Die Drachen blinzelten im Sonnenschein, dann begann sie sich langsam zu erkennen und zu erinnern, was sie einst waren.

Da war Grodor, der purpur Drache mit den Augen, aus Amethyst. Er war einst der Bewahrer des Geistes.

Dann der rosafarbene Drache mit den Rosenquarzaugen, der Bewahrer Empfindsamkeit, sein Name war Hebion.

Der blaue Drache mit den goldenen Schuppen und den Lapizaugen reckte sich. Dessen Name war Schadog, der Bewahrer der Ehrlichkeit.

Neben ihm Japos, der Bewahrer der Lebendigkeit, dessen Hämatitaugen leuchteten und seine Schuppen schwarzsilbern im Sonnenschein schimmerten.

Noch unsicher auf den Beinen fühlte sich Apagon, der grüne Drache mit den Jadeaugen, der der Bewahrer des inneren Friedens war.

Der Bewahrer der Gesundheit, Lador, fing an zu lächeln, seine Bersteinaugen und seine Bersteinschuppen glimmten.

Der letzte der sieben, Robion, der Bewahrer des Selbstbewusstseins, schillerte in seinem Perlmut und fand als erster die Sprache.

"Ich dachte, ich wäre alleine." Die anderen nickten ihm zu, das Gleiche dachten sie auch von sich. "Es ist schön euch zu sehen, wenn wir auch nur noch wenige sind."

"Ich hab so lange geschlafen" Grodor klang noch ganz heiser. "Ein Traum hat mich geweckt, ein Traum vom ersten Drachen, von Zeralon."

Sie hatten alle sieben den gleichen Traum, aus dem sie erwacht waren. Zeralon war ihnen erschien. Er sprach zu ihnen, dass sein Wunder anfängt zu wirken.

Keiner verstand noch so richtig, was gemeint war, dann sahen die sieben Drachen das Wunder. Auf der Wiese lag ein Drachenei, welches im Sonnenlicht in all den bekannten Farben und auch in Farben, für die es bisher keinen Namen gab, schillerte.

Dies musste das Wunder sein, von dem Zeralon zu ihnen im Traum sprach, denn seit Jahrhunderten wurde kein neuer Drache mehr geboren. Die alten Drachen warteten im wärmenden Sonnenschein darauf, dass das Ei aufbricht und eine neue Hoffnung das Licht der Welt erblicken würde.

Als die Sonne am Höchsten stand geschah es dann. Aus dem Ei schlüpfte ein kleiner Drache, der in all den Farben strahlte, welche sie schon auf der Schale gesehen hatten. Da wussten die sieben Drachen, dass sie selbst und ihre vergangenen Freunde in diesem kleinen Drachen wiedergeboren wurden.

Sie gaben ihm den Namen Parodium.

In den folgenden Jahren vermittelten die sieben alten weisen Drachen dem kleinen Parodium ihr Wissen aus alter Zeit. Der Kleine lernte sehr schnell, sehr eifrig. Die sieben alten Drachen freuten sich so sehr, ihnen wurde immer ganz warm ums Herz, fast so, als würde ihr Feuer aus alten Tagen zurückkehren.

Die alten Drachen lebten mit dem kleinen Parodium jetzt in einer großen Höhle, zusammen, nicht mehr jeder für sich alleine. Immer wieder neue Geschichten erzählten sie ihm, Geschichten von Güte, Liebe, Sehnsucht, auch von Schmerzen, dem Verlassensein. So lernte der Kleine, es gibt Licht und Schatten, aber auch, dass man Schatten mit Licht erfüllen kann. Besonders mochte er die Erzählungen aus alter Zeit, wo die Menschen und die Drachen gemeinsam lebten. Er versuchte zu verstehen, warum die Menschen die Drachen vertrieben hatten, somit sich auch einem Leben ohne Wünsche und Träume hingaben. Er verstand es nicht. Träume sind so etwas Wundervolles. Er träumte sehr viel, der kleine Drache und egal, wie lieb er auch die alten Drachen hatte, er sehnte sich danach, mit Menschen zusammen zu leben.

Eines Tages erzählte er den alten Drachen von seinem Wunsch. Schadog fasste sich als erster wieder und sprach zu dem Kleinen: "Es wird dein Auftrag im Leben sein, dies Wunder zu vollbringen. Wir sieben wissen davon, wir haben es zusammen geträumt." Die anderen Drachen nickten ihm schweigend zu.

"Wie soll ich das denn schaffen? Ich bin doch klein. Ihr seit groß und habt es nicht geschafft." Es klang etwas verzweifelt, wie es aus dem Mund von Parodium kam. Robion versuchte ihn zu trösten: "Deine Zeit wird kommen, du wirst wissen, wenn sie da ist. Ganz sicher." Der kleine Drache glaubte ihnen, denn sie haben ihn noch nie belogen, Drachen können nicht lügen, sie kennen keine Boshaftigkeit oder Arglist. Sie kennen das Miteinander und Füreinander.

So gingen noch einige Jahre ins Land. Er lernte und lernte unaufhörlich. Inzwischen war er groß und kräftig, seine Farben hatten eine Leuchtkraft, die die Berge des Kristallgebirges widerspiegelten und die Welt herum in ein phantastisches Licht tauchten. Wenn man dieses Licht sah machte sich Zufriedenheit im inneren Breit.

In einer Frühlingsnacht, es war die Nacht zu seinem hundertsten Geburtstag, erschien im Zeralon, der erste Drache, in seinen Träumen. Dieser sprach zu ihm:

"Ich habe über das Schicksal der Drachen und Menschen vier Tränen geweint. Aus den Tränen wurden vier bunte Perlen. Eine davon ist gelb. Sie enthält die Fröhlichkeit, das Licht und die Freude. Eine weiter, die grün ist. Sie umschließt die Hoffnung und die Wünsche, die in Erfüllung gehen. Die dritte ist eine rote Perle, in ihr die Wärme und die Liebe. Danach weinte ich noch eine letzte Perle, eine blaue. In ihr ist die Tiefe der Seele enthalten.

Nun ist es an der Zeit, dass du diese Perlen suchen gehst im Norden, im Süden, im Osten und im Westen. Du kannst jedoch nicht alleine gehen. Das Schicksal der Drachen und der Menschen ist miteinander verbunden. Suche als erstes den Menschen, der noch träumen kann. Dieser Mensch wird dir helfen sie zu finden."

"Wie soll ich das denn anstellen? Ich bin nicht klug genug.", der Drache hatte etwas Angst, er war ja noch ein Kind, 100 Jahre sind für einen Drachen eine kurze Zeit.

"Du brauchst keine Angst zu haben, du weißt genug, jetzt ist es an der Zeit, dein Wissen ein zusetzten." Mit diesen Worten verschwand Zeralon aus dem Traum.

Parodium erwachte, er weckte die alten Drachen und erzählte, was ihm im Traum widerfahren ist. Sie nickten. Apagon sprach zu ihm: "So sei es. Geh auf deinen Weg und beschreite ihn. Wir werden im Gedanken immer bei dir sein. Lasse dich von deinen Träumen leiten. Jeder von uns wird dir eine Schuppe von sich mit auf deinen Weg geben. Wenn du nicht mehr weiter weißt, nimm sie, drücke sie an dein Herz, dann denk ganz fest an uns, somit kannst du uns rufen. Wir stehen dir zu Seite, wenn es in unserer Macht steht."

Der Abschied fiel allen sehr schwer, doch jeder von ihnen wusste, wenn es gelänge, dann kämen die goldenen Zeiten auf die Erde zurück, wo die Drachen und die Menschen in Harmonie miteinander leben könnten.

So machte sich Parodium mit sieben schimmernden Drachenschuppen auf den Weg ins Ungewisse, auf die Suche nach dem Menschen, der noch träumen kann.

So begann Parodium seine Wanderung, heraus aus dem Kristallgebirge, durch die Weite der Sandwüste, durch die Kälte der Eiswüst, durch die Dunkelheit der Nadelwälder, durch die rauschenden Laubwälder bis hin zum weiten Meer. Er kannte keiner dieser Landschaften bisher, ist er doch in der Obhut der sieben alten Drachen im Kristallgebirge aufgewachsen.

Die Menschen, denen er begegnen sollte kannten nur die Geschichte von den bösen Drachen, welche die Erde in Schutt und Asche legen wollten. Diese wurde über Generationen weiter gegeben und nicht die, welche erzählte, wie sie in Glück zusammenlebten.

In der Sandwüste war er knapp am verdursten, aber seine innere Stimme trieb ihn weiter bis zu einer Oase, wo er zum ersten Mal in seinem Leben auf Menschen traf. Er freute sich auf diese Begegnung, hatte er doch so lange darauf gewartet. Aber was taten diese Menschen? Sie rannten schreiend davon, riefen laut etwas von Monster und von bringt alles in Sicherheit. Der Drache war verwirrt, er wollte ihnen doch gar nichts tun, nur mit ihnen reden. Da war aber nichts zu machen. Es stillte seinen Durst am Brunnen und ging weiter.

Seine Begegnung mit den Menschen der Eiswüste war auch nicht sehr erfolgreich. Ihm war bitterkalt. Er sah sie in der Ferne, aber in diesem Augenblick musste er niesen und aus seiner Nase spie das Drachenfeuer, plötzlich und unerwartet. Die alten Drachen hatten ihm erzählt, dass die Drachenfeuer erloschen wären, jedoch nicht bei ihm, denn er hatte ja noch nicht innerlich weinen müssen. Wie auch in der Sandwüste rannten die Menschen vor ihm davon, hatten Angst, er wolle sie grillen und verspeisen. Er dachte so bei sich, falls hier der Mensch wäre, der noch träumen kann, dann würde er nicht vor mir weglaufen, er würde mich erkennen. So machte er sich selbst Mut und führte seinen Weg fort.

Die Dunkelheit des Nadelwaldes ließ ihn etwas mulmig werden. Er konnte den Weg nicht sehen, er war nur in der Lage ihn zu ertasten. Mit einem Male hatte er aber den erleuchtenden Gedanken. Er sammelte sich etwas Reisig vom Boden und entbrannte sich mit seinem eigenen Drachenfeuer eine Fackel. Die Dunkelheit schwand, ihm war wohler. Auch hier traf er auf Menschen, diese rannten einmal nicht schreiend weg. Sie bestaunten, was er da eben mit der Fackel gemacht hatte. Ein Mann sagte zu ihm: "Mit deiner Kunst können wir aber reichlich Moos machen, komm mit mir. Ich werde dich in einem Käfig in der ganzen Welt herumzeigen." Der Drache erwiderte aber, dass ihm Moos nicht schmecke, er hätte es am Baum probiert, aber er braucht das nicht und in einen Käfig wolle er sich auch nicht stecken lassen. Der Mann lachte ihn aus: "Ich mein doch Geld, Geld ist Macht. Ich würde ein mächtiger Mann werden." Der Drache schüttelte mit dem Kopf und zog weiter. Die Menschen ließen ihn auch unbehelligt weiterziehen, denn insgeheim hatten sie Angst vor der Macht des Feuers.

Die Menschen des Laubwaldes bestaunten ihn. Sie boten ihm auch Geld, würden ihn für seine Dienste bezahlen, gut bezahlen. Er sollte ihre Waffe sein für einen Krieg gegen die Menschen im Nadelwald. "Warum wollt ihr Krieg gegen diese Menschen führen? Sie tun euch doch nichts." fragte der Drache verdutzt. "Sie nehmen uns Geschäfte weg mit ihrem Holzhandel, wir verdienen weniger Geld durch sie. Wenn wir sie aus ihrem Gebiet vertreiben gehört das Holz uns und wir verdienen dann das Geld."

"Es ist doch genug Holz da für alle und hungern müsst ihr doch nicht." antwortete der Drache. "Du hast ja keine Ahnung, du Drache! Geld ist Macht." riefen ihm die Leute des Laubwaldes entgegen. Er verließ sie kurze Zeit später wieder und machte sich weiter auf seiner Wanderschaft.

Dann sah er das Meer. Es war überwältigend. Ein wenig bekam er Heimweh, als er das kristallklare Wasser sah, es erinnerte ihn sehr an das Kristallgebirge. Als er sich die Wolken betrachtete, war ihm so, als sähe er die sieben alten Drachen in ihnen. Sie lächelten ihm entgegen. Er fasste neuen Mut dadurch. Wenn Drachen schon mal lächeln, dann ist das etwas ganz besonderes.

Parodium lief am Meer entlang, betrachtete sich den endlos scheinenden Horizont und fragte sich, wann er endlich den Menschen treffen würde, der in der Lage ist zu träumen. Wie er wohl aussieht? Groß, stark, schlau. Ja, so musste er sein.

In seinen Gedanken versunken stolperte er fast über ein kleines Mädchen, welches da ganz alleine weinend am Stand saß.

Parodium war erst verwirrt. Ein solches menschliches Wesen hatte er bisher noch nicht gesehen. Da saß sie, klein, zusammengekauert und weinte bitterlich.

"Wieso weinst du denn? Auf meiner Reise habe ich bisher keinen Menschen weinen sehen."

Das kleine Mädchen schrak etwas zusammen, sie hatte den Drachen gar nicht bemerkt, auch nicht, als er fast über sie gestolpert ist. "Ach weißt du, alle sind so gemein zu mir. Sie spotten über mich und schimpfen  mit mir.", sie schluchzte ihm das entgegen.

"Warum?" wollte der Drache wissen.

"Sie sagen, ich wäre anders. Ich sehe mir gerne an, wenn der Regen auf die Wiesen fällt, dann kann ich kleine Formen entdecken, die kein anderer sieht. Ich male Bilder von Blumenwiesen, mit Blumen die es gar nicht gibt. Für mich sind sie jedoch wirklich. Ich sehe Gestalten in Wolken, auch Drachen, so wie du einer bist. Die anderen Kinder nennen mich deshalb Spinner, sie sagen, das wäre eh nur Wasserdampf. Sie sagen, ich solle mich lieber auf die wichtigen Dinge konzentrieren, lernen was in unseren Büchern steht. Ich finde, da steht nur Blödsinn drin. Ich fragte unseren Lehrer, warum ich mit 12 wissen muss, was für ein Bruttosozialprodukt unser Nachbarland hat. Ich will spielen, ich will malen, ich will doch nur Kind sein."

"Es ist wohl so bei den Menschen." entgegnete der Drache. "Anders sein ist nicht einfach. Vor mir rannten die meisten Menschen schreiend davon und ich tue keinem etwas. Wie heißt du denn?"

"Ich heiße Lulu und du?"

"Mein Name ist Palodium."

"Das ist ein seltsamer Name. So einen hab ich noch nie gehört."

"Einer meiner Lehrer erklärte mir, dass er aus der alten Drachensprache kommt, die seit Jahrtausenden nicht mehr gesprochen wird. Palodium bedeutet: Der Wiederbringer."

"Was sollst du denn wiederbringen?"

"Wenn ich das so ganz genau wüsste. Ich hatte einen Traum, ich soll vier Perlen suchen. Wenn ich die gefunden habe, dann soll ein Wunder geschehen."

"Eine gelbe, eine grüne, eine rote und eine blaue Perle." sprach das Mädchen ganz aufgeregt.

"JA! Woher weißt du das?", der Drache war ganz hektisch.

"Ich träumte letztens von einem alten Drachen, der sagte mir das. Er erklärte mir, dass ein kleiner Drache eines Tages zu mir kommt, der meine Hilfe benötigt. Ich fragte ihn, warum meine? Er entgegnete: Weil du gerade träumst.

Ich habe das niemandem erzählt, denn weißt du, träumen ist verboten bei den Menschen. Ich weiß zwar nicht warum, aber man darf es nicht. Ich hab mal gefragt aber keine Antwort erhalten."

"Lulu, liebe Lulu, dann bist du der Mensch, den ich suchen muss. Ich hab dich gefunden und das schon nach so kurzer Zeit."

"Wieso ich?"

"Mir sagte der Drache, er heißt Zeralon, der erste Drache überhaupt, dass ich den Menschen finden müsse, der noch träumen kann. Das bist anscheinend du. Du hattest fast den selben Traum. Lass uns die Perlen suchen und wenn wir sie gefunden haben, dann wird das Zeitalter zurückkehren, indem die Drachen mit den Menschen in Frieden und Harmonie leben könnten. Es waren sehr glückliche Zeiten, voll mit Träumen und voller Hoffnung."

"Hier werde ich eh nur ausgelacht. Ich werde dich begleiten. Mich wird auch keiner vermissen, ich bin eh nur das seltsame Mädchen, welches alle stört. Sie werden froh sein, wenn ich nicht mehr da bin."

So haben sich Parodium und Lulu gefunden. Aber was nun? Sie hatten keine Ahnung, wo sie mit der Suche beginnen sollten, wohin sie gehen sollten. Nur eins wussten sie, sie wollten die vier bunten Perlen finden, im Norden, im Süden, im Osten und im Westen. Und was auch geschehen wird, eine Freundschaft hatte begonnen.

Parodium und Lulu entschlossen sich für einen Weg in den Norden. Wo Norden war, das wusste der kleine Drache, denn die alten Drachen hatten ihm sehr viel über den Sternenhimmel erzählt. Die Sterne zeigten ihnen die Richtung. Im Norden stand ein großes Sternbild, dass die Drachen Schowandu nannten. Schowandu war einst ein sehr berühmter Drache, man erzählt sich, dass er ein Dorf gerettet hatte, indem er mit seinen Flammen eine riesige Flutwelle verdampfte, die das kleine Dorf zu zerstören drohte. So bekam das Sternbild des Nordens, das die Form einer riesigen Welle hatte, seinen Namen.

Drachen haben von Urzeiten an einen guten Orientierungssinn, so dass Parodium die Richtung auch am Tage kannte. Für Lulu war es jedoch immer spannend, ob das auch so war. Sobald die Sterne am Abendhimmel erschienen schaute sie nach, ob sie noch in die richtige Richtung liefen. Der kleine Drache irrte sich nie.

In den Norden führten zwei Wege von dem Ort, wo sie sich begegnet waren. Einer dieser Wege war sehr breit, sehr eben, er sah wirklich einladend aus. Der andere Weg war ein kleiner Weg, hoppelig und stoppelig. Lulu entschied, welchen Weg sie gehen würden.

Sie erklärte Parodium ihre Wahl: "Ich weiß, wo dieser breite, schöne Weg hinführt. Da war ich schon einmal. Er führt in eine große Stadt, diese ist schwer bewacht von Soldaten. Du kennst ja den Ruf, den die Drachen in dieser unserer Welt leider haben. Ich glaube zu wissen, dass sie es sehr bedrohlich finden würden, wenn ein Drache auf die Stadt zu kommen würde, noch dazu in der Begleitung eines kleinen Mädchens. Sie würden dich bestimmt angreifen, um mich zu befreien." Das war für den Drachen eine einleuchtende Erklärung, also beschritten sie den holprigen Weg, wo der allerdings hinführte, das wusste Lulu auch nicht. Sie fühlte sich so sicher bei dem Drachen, dass ihr das Ungewisse gar nichts ausmachte.

Sie begegneten auf ihrer Wanderung immer wieder Menschen, Menschen, die eines gemeinsam hatten: Furcht vor dem Drachen. Eine Furcht, die Menschen vor dem Unbekannten haben. Manche von ihnen fassten Mut, riefen Lulu zu, sie solle doch wegrennen, bevor der Drache ihr etwas zu Leide tut. Sie blickten immer ziemlich unverständig drein, wenn Lulu nur rief: "Er tut doch niemanden was, ich habe keine Angst!"

Sie kamen an einen wunderschönen silbrigblau glänzenden See vorbei. Parodium hielt diesen Platz für ein geeignetes Nachtlager. Sie angelten sich aus diesem See ein paar Fische, die sie über dem Lagerfeuer in ein köstliches Mahl verwandelten, aßen ein paar süße Beeren, die sie an den Sträuchern rund um den See fanden und tranken von dem silbrigblauen klaren Wasser des Sees. In dieser Nacht träumten sie wieder einmal den selben Traum. In diesem Traum kam der See vor, an dem sie sich nun befanden. Beide sahen eine Mulde unter den Sträuchern, in welcher etwas lag. Was es war, das konnten sie nicht so genau sehen. Es glimmte in einem bläulichen Licht, es war sehr schön an zu sehen, da waren sich beide einig, als sie sich am Morgen ihren Traum erzählten.

"Dann lasse uns diese Mulde doch suchen." Lulu stimmte ihm sofort zu, sie war so neugierig, was sie da im Traum denn wohl gesehen hatte.

Nachdem sie zwei Stunden um den See gelaufen waren, hörten sie ein leises Weinen ganz in der Nähe unter einem der Sträucher. Beide wussten sofort, dass sie dieses bläulich glimmende Etwas nun gefunden hätten. Ja, da war sie, die Mulde und es lag etwas darin, etwas das weinte.

"Warum weinst du denn?" fragte der kleine Drache.

"Ich löse mich auf, wie schon meine Eltern, Geschwister, Onkeln und Tanten. Meine ganzen Freunde sind auch verschwunden."

"Auflösen? Wie denn das?" fragte Lulu erschrocken.

"Wisst ihr denn nicht, dass Feen aus den Glimmfäden gesponnen werden, die nur dann entstehen, wenn die Menschen schöne Träume haben? Da kaum Träume mehr am Leben sind, gibt es auch keine Glimmfäden mehr und wenn es keine Glimmfäden mehr gibt, dann lösen sich die Feen auf, so wie es mit allen die ich kannte bereits passiert ist. Ich habe solche Angst vor dem Tag, an dem es für mich auch keinen Traumglimmfaden mehr gibt, der mich am Leben hält, denn dann ist der Tag gekommen, wo der letzte Mensch den letzten Traum geträumt hatte."

"Lulu hört doch nicht auf zu Träumen. Sieh sie dir an, sie ist der letzte Mensch, der noch träumen kann. Schau dir die Fee an, Lulu, du schenkst ihr Leben." sprach Parodium zu beiden.

"Ich danke dir dafür, vielen Dank." sie faltete ihre kleine Flügelchen aus und flatterte auf Lulu zu und gab ihr einen Feenkuß auf die Nasenspitze. "Ich wurde immer Rokina gerufen, so ist mein Name. Kann ich denn bei euch bleiben, ich fühle mich sonst so einsam." Und ihr Weinen war verflogen, sie lächelte.

"Natürlich kannst du das. Wir sind auf der Suche nach den Perlen, die aus Drachentränen entstanden sind. Wenn wir diese finden, dann wird es wieder ganz viele deiner Art geben, denn diese bringen den Menschen die Träume zurück und du wärst nicht mehr allein und einsam."

Nun waren sie also ein Dreigespann, ein kleiner Drache, ein kleines Mädchen und eine kleine Fee. Sie verband ein gemeinsamer Wunsch, der Wunsch, der sie stark machte. So stark, dass sie wussten, ihnen könnte nichts passieren, komme was wolle.

Eine so sternenklare Nacht hatten die drei Freunde schon lange nicht mehr gesehen. Parodium erzählte seinen beiden Weggefährten Geschichten über die Sternbilder, die zu sehen waren, die, wie es ihnen schien in dieser Nacht, zum Greifen nah waren. Rokina und Lulu hörten gespannt zu und schraken, wie auch Parodium selber, zusammen, als wie aus dem Nichts ein Donnergrollen zu hören war.

Es kam aus dem Norden, aus der Richtung, welches ihr gemeinsames Ziel war. Alle machten große Augen, als ein Lichtgewitter auf sie zukam. Keine Wolke war am Himmel zu sehen, jedoch schossen die Blitze wie schnell fliegende Kometen auf sie zu. Näher und näher kam es auf sie zu. Die drei umschlangen sich, um sich gegenseitig Schutz zu bieten und sie zitterten vor Angst.

Als sie das Lichtgewitter erreichte hielt es ohne Ankündigung inne. Das tosende Donnergrollen verschwand und aus den Lichtblitzen formte sich eine Gestalt. Diese lichte Gestalt kannten Parodium und Lulu schon aus ihren Träumen, doch noch nie haben sie Zeralon im wachen Zustand erblickt. Der erste Drache seiner Art war ihnen erschienen und sprach:

"Ihr habt den richtigen Weg gewählt. Nun dauert es noch einen Tag und eine Nacht bis ihr zu dem Ort gelangen werdet, wo sich die erste meiner Perlentränen befindet. Doch gebt gut Acht auf euch. Ihr kommt an einen Ort, der da heißt: Der Sumpf der verlorenen Seelen.

Es ist ein gefährlicher Ort, denn sobald ihr vom Wasser des Sumpfes berührt werdet, wird die Hoffnung langsam aus euch weichen. Passt gut auf euch auf, dass ihr nicht nass werdet. Viele haben schon probiert durch diesen Sumpf zu kommen, doch wenn sie mit dem sumpfigen Wasser zu oft in Berührung kamen ertranken sie darin und ihre Hoffnungslosigkeit löste sich in diesem Wasser auf und machte es noch stärker.

Wenn ihr es geschafft habt, diesen Sumpf zu durchqueren, dann seht ihr ein Haus, dort wohnt ein alter Mann. Sein Name ist Kalodorn. Er hat die Perle. Redet mit ihm, denn wenn er euch mag, wird er euch ein Geschenk machen wollen. Das macht er immer so. Wenn ihm eure Gesellschaft gefällt dürft ihr euch etwa aus seinem Besitz aussuchen, egal, was es ist. Ich sage euch aber noch, er ist sehr schwierig, zu dritt werdet ihr es aber schaffen.

Ich wünsche euch viel Glück und gutes Gelingen. Jetzt liegt es an euch. Meine Gedanken werden euch begleiten, auch wenn ich nicht immer bei euch seien kann."

Dann verschwand das Lichtgewitter wieder unter lautem Donnergrollen so plötzlich wie es erschienen war.

Parodium, Lulu und Rokina hatten zwar Angst, vor dem, was ihnen Zeralon eben offenbart hatte, aber nichts konnte sie aufhalten, dass wussten sie, ohne es aus zu sprechen. Ihre Blicke sagten es ihnen.

"Na, dann lasst uns mal weiter gehen, zu diesem Sumpf und ihn besiegen!", der kleine Drache lächelte seine beiden Freundinnen an, sie umarmten sich und gaben sich somit gegenseitig Kraft für ihren Weg. Erst einmal legten sie sich aber schlafen, denn der kleine Drache und das kleine Mädchen mussten doch noch schöne Träume haben, damit die Fee noch mehr Traumglimmfäden bekam, um stärker zu werden für die Abenteuer, welche noch vor ihnen lagen.

Sie gingen am darauf folgenden Tage weiter auf ihrem Weg und ruhten noch eine Nacht. Als sie an diesem Morgen aufbrachen, nach Stunden der Wanderschaft, sahen sie ihn, den Sumpf der verlorenen Seelen, genau so, wie Zeralon ihnen berichtete.

Sie standen vor einen riesigen dunklen Wald, durch den der Weg führte, auf dem sie sich befanden. Dieser wurde im Wald viel schmaler als bisher. Neben diesem Weg konnte man die aufsteigenden Sumpfblasen erkennen, die graubraun aufstiegen und in der Luft zerplatzen, so dass ihre graubraunen Tropen in alle Richtungen zerstreut wurden.

"Oh je, seht ihr? Das ist wie morastiger feiner Nieselregen. Es ist so gut wie unmöglich, dass wir da nicht nass werden." rief Lulu erschrocken aus.

"Ich glaube du hast Recht. Dann werden auch die Traumglimmfäden, die ich jetzt sozusagen in Reserve habe, nass mit diesem Wasser. Ihr habt beide die letzten zwei Nächte so viele schöne Träume gehabt, dass ich nicht alle für mich verbraucht habe, ich habe sie in meiner Tasche." schluchzte Rokina.

"Du hast Traumglimmfäden übrig?" Parodium blickte sie überrascht an.

"Ja, hab ich." rief die Fee aus.

"Sag mal, kann man mit diesen Traumglimmfäden auch etwas anderes weben als eine Fee? Ich habe da nämlich eine Idee."

"Du kannst alles draus weben, es ist wie wenn man normales Garn verarbeiten würde.", versuchte ihm die Fee zu erklären, sie wusste aber noch nicht, worauf er hinaus wollte.

"Dann lasse uns zusammen eine Schutzglocke weben, die wir über uns stülpen können, wenn wir den Sumpf durchqueren, so wie ein Schirm. Ich habe von den alten Drachen jeweils eine Schuppe bekommen, mit denen ich sie rufen kann, wenn ich diese an mein Herz drücke. Ich weiß, dass diese Schuppen Zauberkraft besitzen. Ich werde also aus einem Teil der Perlmuttschuppe von Robion und einem Teil der Hämatitschuppe von Japos ein Pulver herstellen, das wir auf die Traumglimmfädenglocke streuen werden. Somit haben wir den Schutz der Lebendigkeit und den Schutz des Selbstbewusstseins. Da kann uns doch die Hoffnungslosigkeit nicht mehr so viel anhaben können, die von dem Wasser dieses Sumpfes ausgeht." erklärte Parodium seine Idee den beiden Freunden.

"Dann lasse uns das probieren. Komm Rokina, lasse uns anfangen zu weben wärend Parodium das Pulver herstellt." sprach Lulu und nahm die kleine Fee gleich bei der Hand.

Parodium suchte sich zwei Steine, mit denen er die Schuppenteile zermalen konnte.

"Du hast aber wirklich viele Traumglimmfäden in Reserve, das gibt eine richtig gute große Schutzglocke." Lulu freute sich über die Vielzahl der Fäden, welche Rokina inzwischen in ihrem Gepäck hatte.

"Sag ich doch! Ihr beiden seit gute Träumer." Und zum ersten Mal seit dem Anblick des Sumpfes lachten alle drei zusammen und machten sich an die Durchführung ihres Planes.

Während Lulu und Rokina webten, streute Parodium immer wieder Schuppenpulver in die Webfäden, damit der Zauber auch über die ganze Glocke wirken konnte.

Es dauerte fast den ganzen Tag, bis sie ihr Werk vollendet hatten. Sie hatten ihre Glocke gewebt. Traumglimmfäden sind doch stabiler, als sie aussehen. Sie ließen sich verarbeiten wie Weiden zum Korbflechten, der Unterschied jedoch zu einem Weidengeflecht war, das Traumglimmfäden durchscheinend sind.

Diese Glocke sah traumhaft aus. Sie glimmt und glitzerte wie Millionen kleiner Sterne am Nachthimmel.

Die drei fanden Platz unter dieser Traumglimmfadenglocke und setzten nun ihrem Weg durch den Sumpf der verlorenen Seelen fort.

Kaum hatten sie den Weg beschritten, sahen sie auch schon neben sich die graubraunen Sumpfblasen aufsteigen und zerplatzen. Das Sumpfwasser nebelte auf sie zu, doch der Zauber fing an zu wirken. Bevor die Sumpfwassernebel die Glocke berühren konnten verdampften sie einfach, als wie wenn sie nie da gewesen wären.

"Habt ihr das gesehen? Es wirkt. Nun lasst uns so schnell wie möglich hier wieder raus kommen." Parodium schrie fast, jedoch hoch erfreut darüber. So gingen sie eiligen Schrittes den Weg entlang und kamen, immer noch hoffnungsvoll, nach etwa vier Stunden aus dem Sumpf der verlorenen Seelen wieder hinaus.

Drachenzauber ist ganz schön stark.

Kaum aus dem Sumpf heraus sahen sie im Mondlicht das Haus von Kalodorn. Sie wollten ihn in seiner Nachtruhe nicht stören und schlugen deshalb ein Lager in der Nähe des Hauses auf, um selbst im Schlaf Erholung von den vergangenen Stunden zu finden. Rokina freute sich, als die beiden sich schlafen legten, denn durch das Weben der Traumglimmfadenglocke sind ihre Vorräte doch sehr geschrumpft.

"Ich wünsche euch viele schöne Träume." sprach sie zu den beiden, aber sie hörten das nicht mehr, sie schliefen schon.

Die Morgensonne glühte goldenrot am Horizont, als die drei aufwachten. Karlodorns Haus sah aus, wie aus einer anderen Welt in diesem Morgengoldsonnenlicht. Es blitze und schimmerte, schillerte und glimmte. Die Tür wurde urplötzlich aufgerissen und eine kleine, bucklige, griesgrämig dreinschauende Gestalt stand im Türrahmen.

"Schon wieder diese Wegelagerer vor meinem Haus, verschwindet oder ich hetzte die Hunde auf euch. Ich habe sie auf solches Gesindel wie euch abgerichtet und sie sind sehr hungrig. Macht einen Abflug, ich will hier keinen sehen." zeterte diese Gestalt in die Richtung von Parodium, Lulu und Rokina mit erhobener Faust.

Die drei wussten erst gar nicht, wie ihnen geschah, eine solch unfreundliche Begrüßung hatten sie nicht erwartet. Rokina fand als erstes die Sprache wieder: "Einen wunderschönen guten Morgen wünsch ich dir alter Mann." erwiderte sie freundlich mit einer echt feenhaften Stimmlage, es war, als ob ein ganzer Chor singen würde und ein Echo widerhallt. "Wir wollten dich besuchen und sehen .."

Doch weiter kam sie nicht mehr, jäh wurde sie von Karlodorn unterbrochen: "Ach was, ihr seit sicher so wie alle Anderen, die herkommen. Alle hier wissen, dass ich Geschenke mache. Alle kommen nur deswegen her. Ich habe bald nichts mehr und dann werde ich wohl endlich meine Ruhe haben." Mit diesen Worten drehte er sich um, ging ins Haus und schlug die Tür krachend hinter sich zu.

"Und wir sind auch nur hier, wegen der Perle." sprach Parodium zu seinen beiden Freunden. "Ist das nicht traurig? Er weiß, dass wir was von ihm wollen, klar, dass er so reagiert. Er war bestimmt mal ein fröhlicher Mensch, das denk ich mir. Wenn aber immer wieder Menschen zu ihm kommen, die sich nicht mehr mit ihm abgeben, wenn sie das haben, was sie wollten, dann ist mir seine Reaktion klar. Sie nehmen und verschwinden für immer."

Lulu und Rokina nickten verständig. Und nun?

Lulu stand auf und ging in Richtung des Hauses und klopfte an die Tür. Sie wurde nicht gleich geöffnet. Sie klopfte nochmals: "Bitte Karlodorn, mach doch auf. Ja, du hast Recht, wir sind auch nur hier, weil wir was von dir wollen, das leugnen wir gar nicht. Aber höre dir doch wenigstens an, warum wir das von dir wollen."

Da ging die Tür eine Spalt auf: "Das ist ja mal eine ganz neue Masche. Ihr wollt also was von mir und sagt das auch noch gleich. Na gut, da ihr ja wenigstens ehrlich zu sein scheint, will ich herauskommen und hören, was ihr zu sagen habt."

Lulu lächelte ihn sanft an: "Ja komm, setzt dich zu uns und frühstücke mit uns, wir werden dir die Geschichte erzählen."

Auf ihrem Weg hatten die drei immer wieder Dinge gesammelt, die die Menschen achtlos an den Wegrand warfen. Einen kleinen Handwagen, in dem sie alles das sammelten, was sie so fanden: Geschirr, Besteck, Töpfe, Pfannen und noch so allerlei Hausrat, der einfach in den Wald geworfen wurde. Sie bereiteten ein Frühstück: Tee aus frisch gesammelten Kräutern, Eiern, die sie in verlassenen Nestern fanden, buken Brot, dessen Zutaten sie in einem Sack fanden, der wohl bei einem Transport heruntergefallen war.

Beim Frühstück erzählten die drei abwechselnd die Geschichten, die sie hier her gebracht hatte. Sie erzählten Karlodorn, warum sie die Perle haben wollten und erklärten ihm, was dieses ihnen bedeutet. Der alte Mann hörte zu, nickte ab und an mal zustimmend, staunte über die Idee durch den Sumpf der verlorenen Seelen zu gelangen. Er war jedoch sehr still bei Alledem.

Manchmal schien es den dreien, als ob seine Gesichtszüge etwas weicher wurden und nicht mehr so verhärtet, wie zu Anfang ihrer Begegnung. Dann aber ohne irgendeine Vorwarnung sah er wieder aus wie der alte Griesgram. Sie erzählten ihre Geschichten bis zu dem Punkt, an dem sie sich nun gerade befanden. Sie ließen auch nicht das erste Zusammentreffen mit Karlodorn aus, sagten ihm, was sie empfanden dabei.

"Ihr seit doch anders, als die Anderen, die hier her kommen. Die Perle ist gar nicht für euch persönlich."

"Nein, wollen wir nicht." sprach Parodium. "Karlodorn, wir haben jetzt unsere Geschichten erzählt, erzähle uns doch jetzt deine. Es wäre schön für uns, auch etwas mehr über dich zu erfahren."

"Über mich? Ja interessiert euch das denn überhaupt?" Karlodorn kuckte etwas entgeistert, noch niemand wollte je etwas über ihn wissen, nur Geschenke, dass wollten alle.

"Ja!", kam es wie aus einem Mund von den dreien, mehr sagten sie nicht, mehr war auch nicht notwendig. Dann erzählte Karlodorn von früher. Er begann, als er noch ein junger Mann war und seine Frau das erste Mal sah. Erzählte, wie sie sich verliebten, dieses Haus bauten und es mit 5 Kindern mit Leben erfüllten.

Im Laufe der Jahre jedoch verlor er ein Kind nach dem anderen in diesen sinnlosen Kriegen, die hier geführt wurden. Jedes Mal starb damit auch ein Stück von ihm und seiner Frau. Er deutete auf das Feld hinter dem Haus, wo seine Kinder und auch seine Frau begraben lagen. Seine Frau, ihr Name war Hilli, starb nach eine kurzen, schweren Krankheit vor 4 Jahren, seither lebt er alleine in dem Haus. Während er das alles erzählte, lief ihm ab und zu eine Träne über die Wangen. Er hatte schon so lange nicht mehr geweint, er war der Auffassung, er hätte keine Tränen mehr. Doch jetzt, da er erzählte und weinte dabei, wich die Härte aus seiner Seele. Es war so, als würde sie heraus gespült werden.

Mit verschwommenen Augen sah Karlodorn die drei Freunde an, als er seine Lebensgeschichte beendet hatte, auch sie weinten.

Inzwischen war schon Abend und die Nacht brach herein.

"Kommt mit ins Haus, dort könnt ihr schlafen. Ihr braucht nicht unter offenem Himmel zu nächtigen." so lud er sie in sein Haus ein, seine Stimme klang ganz anders als am Morgen, freundlich und weich.

Als sie eintraten sahen sie, dass das Haus angefüllt mit Erinnerungen aus seinem Leben war. Bilder seiner Familie standen überall, Kerzen brannten und erhellten die Rahmen. In der Ecke am Schaukelstuhl stand noch der Wollkorb seiner Frau, darin lag der nicht beendete Pullover, den sie begonnen hatte, bevor sie krank wurde. In der Vitrine erkannten sie eine Sammlung von selbst geschnitztem Holzspielzeug für seine Kinder. Alles das war hier, was ihn an seine Familie erinnerte.

Sie bereiteten alle vier zusammen ein Abendessen. Es war ein sehr schweigsames Essen, die drei Freunde waren sehr ergriffen von alle dem, was sie über den alten Mann erfahren hatten.

Als die drei am Morgen in dem Haus aufwachten, war der alte Mann nicht mehr da. Auf dem gedeckten Frühstückstisch lag eine Schachtel, darauf ein Brief. Lulu öffnete diesen und las ihn den Freunden vor:

"Ich werde euch das Geschenk machen. In der Schachtel findet ihr die rote Perle der Wärme und der Liebe. Das war einer der Schätze meiner Frau, sie hatte sie am Fluss gefunden, als sie unser drittes Kind erwartet hatte. Wir wussten immer, dass diese Perle etwas Besonderes ist, denn wenn wir sie in die Hände nahmen durchströmte und ein warmes wohliges Gefühl, dass aus dem Nichts zu kehren scheint, alle Sorgen schwammen einfach davon.

Passt gut darauf auf, sie ist einmal, wie ihr ja sehr gut wisst.

Ich habe mich heute Nacht dazu entschlossen, noch einmal einen neuen Versuch im Leben zu wagen. Als ich so über euch nachdachte, ihr drei auf eurem Weg ins Ungewisse, da dachte ich mir: tue das auch, was kann dir schon passieren. Ich werde meine Vergangenheit nie vergessen, aber ich will nicht länger in der Vergangenheit leben. Ich möchte sehen, was mir das Morgen noch bringen kann. Wer weiß das schon ....

Parodium, Lulu und Rokina, ich wünsch euch für eure weitere Suche viel Erfolg.

In der Nacht, wo die Träume zu mir zurückkommen werden, weiß ich, dass ihr eure Bestimmung erfüllt habt. Darauf freue ich mich schon jetzt.

Vielleicht begegnen wir uns ja wieder auf einem unserer Wege, aber wer weiß das schon ..."

Die drei hofften, dass sie ihm mal wieder begegnen würden. Sie legten die rote Perle vorsichtig in ihren Handwagen, an eine Stelle, wo sie mit Sicherheit nicht verloren ging.

"Und nun werden wir nach Süden ziehen." sprach Parodium und die beiden folgten ihm.

Der Weg nach Süden führte sie am Sumpf der verlorenen Seelen vorbei. Sie mussten ihn nicht nochmals durchqueren, worüber sie alle sehr froh waren.

Sie folgten dem Fluss, den die Menschen hier in der Gegend den Fluss der vergessenen Träume nannten. Parodium fragte einen den Flussschiffer, denen sie begegneten, wo denn der Name herkam. Dieser schüttelte aber nur mit Kopf: "Keine Ahnung, der heißt schon immer so." Auch die Fischer an dem Ufer des Flusses kannten die Antwort nicht. "Habt ihr denn nichts Wichtigeres zu tun, als euch mit solchen Fragen zu beschäftigen?", das war der einzige Satz, den sie von den Fischern erhielten.

Tage und Nächte vergingen auf ihrer Wanderschaft in den Süden, immer diesem Fluss folgend, der sich durch die Landschaft schlängelte. Am siebten Tag fragte Lulu: "Meinst du, wir sollten dem Fluss noch weiter folgen?"

"Ja, denn irgendetwas in mir sagt, dass es der richtige Weg zu unserem nächsten Ziel, der gelben Perle des Lichts und der Fröhlichkeit, ist. Ich kann es dir nicht erklären, es ist so." Weiter sagte Parodium nichts mehr. Schweigend gingen die drei weiter. Der Drache fragte sich, woher plötzlich die Zweifel bei Lulu kamen. Er überlegte und überlegte. Ob wohl der Fluss etwas damit zu tun hatte?

In dieser Nacht erschien erneut Zeralon, diesmal aber nicht als ein Lichtgewitter, sondern seine Ankunft wurde angekündigt durch ein feuriges Glühen am Horizont. Eine Wolke, die aussah wie die Glut des Lagerfeuers bewegte sich auf die drei Freunde zu. Die Nacht erhielt einen warmen Feuerschein. Diesmal hatten sie aber keine Furcht, denn sie ahnten schon, wer da kam und freuten sich darauf.

"Ihr seit auf dem richtigen Weg. Deine innere Stimme hat es dir gesagt, Parodium, und diese innere Stimme hat meistens Recht. Lausche ihr, sooft du kannst. Auch ihr anderen beiden, hört in euch hinein und die Zweifel werden schwinden. Glaubt ganz fest an das, was ihr tut.

Und du Lulu, du hast im Fluss gebadet und danach kamen dir die Zweifel. Der Fluss ist für die Menschen hier nicht mehr gefährlich, denn sie träumen im Moment nicht. In frühen Zeiten war es jedoch so, dass jemand der im Fluss gebadet hat einen seiner Träume dort im Wasser ließ. So hat er auch seinen Namen bekommen. Er ist verflucht von einem bösen Zauberer.

Einst in dem Königreich, wo die Quelle des Flusses ist, lebte ein wunderschönes Mädchen in einer Hütte am Ufer. Der Zauberer hatte ein Auge auf sie geworfen und wollte sie unbedingt zur Frau. Das Mädchen wies ihn jedoch immer wieder ab, denn sie träumte fast jede Nacht von einem jungen Mann. Es war immer der gleiche Traum. Er kam mit einem Segelboot über den Fluss gefahren und ankerte dann vor ihrer Hütte, er würde sich in sie verlieben und beide lebten bis ans Ende ihrer Tage glücklich zusammen.

Der böse Zauberer lachte anfangs noch über diesen Traum, mit der Zeit verging ihm das Lachen und er wurde wüten über die ständigen Abweisungen. Er beobachtete das Mädchen tagelang, dann fasste er seinen teuflischen Plan.

Er wusste, dass sie morgens im Fluss schwimmen ging, so belegte er das Wasser mit dem Fluch der die Träume schwinden lässt.

So geschah es dann auch. Das Mädchen vergaß nach jedem Bad einen ihrer Träume, als letztes den von dem jungen Mann mit dem Segelboot. Der Zauberer wartete schon auf diesen Tag und als er endlich da war, sagte sie zu seinem Angebot mit ihm zu leben endlich ja. Der Zauberer war so mit sich zufrieden, dass er ganz vergaß, den Fluch wieder vom Wasser des Flusses zu nehmen. Er sah sich nur am Ziel seines Willens. Doch hatte er wirklich dass, was er wollte?

Nein, denn mit jedem vergessenen Traum veränderte sich das Mädchen. Mit den Träumen verschwand auch ihre Sanftheit, ihre Güte, ihre Liebe. Was der Zauberer nun hatte war eine vergrämte, verhärtete, zänkische, ja alte Frau, die keine Freude mehr am Leben hatte. So hat er seine Strafe erhalten für seine Tat.

Dieser Fluss hat schon vielen Leid gebracht, hör auf darin zu baden Lulu. Du bist schließlich der letzte Mensch, der noch träumen kann.

Jetzt dauert es auch nicht mehr sehr lange, dann werdet ihr in dieses Königreich kommen, wo das Unglück mit dem Fluss seinen Anfang nahm.

Diese Hütte an der Quelle steht immer noch. Darin wohnt ein ururalter Mann. Ihr könnt euch schon denken, wer das ist. Er ist der junge Mann, der mit dem Segelboot anlegte. Dies geschah etwa ein halbes Jahr nachdem das Mädchen die Frau des Zauberers wurde. Er fand meine gelbe Perlenträne in einem seiner Fischernetze. Als er die Perle in der Hand hielt erahnte er, was ihn diese Hütte als Ankerplatz wählen lies. Er sitzt immer noch dort und wartet, denn auch er hatte immer wieder von ihr geträumt, dem Mädchen vom Fluss.

Inzwischen hat er aber vergessen, worauf er wartet, denn auch er badet in den Wassern."  Kaum hatte Zeralon diese Sätze gesprochen, war er auch schon in seiner Glutwolke verschwunden und die Glutwolke erhob sich in den nächtlichen Himmel und verschwand aus dem Sichtfeld der drei Freunde.

"Das ist eine sehr traurige Geschichte, nun wissen wir aber, woher der Name kommt und warum Lulu ihre Zweifel hat." Rokina wischte sich bei diesen Worten eine kleine Feenträne aus den Augenwinkeln. Lulu sah dies und küsste ihre Wange, um ihr Trost zu spenden. Mit dem Nass der Feenträne auf ihren Lippen verschwanden die Zweifel. Feen sind kleine Zauberwesen und ihre Tränen können heilen. Lulu wusste das zwar nicht, aber jetzt war alles wieder im Lot.

"Zeralon hat uns gar nicht den Namen des ururalten Mannes von der Hütte verraten." sprach Lulu zu ihren Freunden.

"Sein Name ist Gibion." verriet ihnen Parodium. "Kuckt mich nicht so entgeistert an. Drachen müssen nicht unbedingt Worte gebrauchen, um sich etwas mit zu teilen. Ich hörte Zeralon in meinem Kopf den Namen aussprechen."

Im Morgengrauen machten sie sich wieder auf den Weg, nun kannten sie ihr nächstes Ziel: Die Hütte am Flussquell, wo Gibion sein zu Hause hatte.

Das Licht und die Wärme der aufsteigenden Morgensonne weckte die drei aus ihrem Schlaf. „Ich habe heute Nacht Gibions Geschichte geträumt. Wie er auf Suche ist, dann am Ufer anlegt und nur eine leere Hütte vorfindet. Ich bin immer noch ganz traurig darüber.“ Teilte Lulu ihren Freunden mit.

„Ich träumte auch davon, aber aus der Sicht des Mädchens.“ Erwiderte Parodium.

„Und ihr habt einen gemeinsamen Traumglimmfaden dabei erschaffen, seht nur, wie stark er ist, wie eine Kordel.“ Rokina zeigte ihnen diesen Faden, die beiden Träume waren ineinander verschlungen.

„Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, dass wir den beiden helfen könnten zueinander zu finden.“

„Es gibt diese Möglichkeit.“ Parodium hörte in seinem Inneren die ihm so vertraute Stimme von Lador, dem Bernsteindrachen, als er diese Worte ausgesprochen hatte. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er die Tasche, in denen er die Drachenschuppen der sieben alten Drachen bei sich trug, bei diesen Worten ganz fest an sein Herz drückte. Die Stimme hallte weiter in ihm: „Nimm ein Stück meiner Bernsteinschuppe, sie hat heilende Kräfte, da ich der Bewahrer der Gesundheit bin, sowohl der körperlichen als auch der geistigen. Dann nimm etwas Wasser aus dem Fluss der vergessenen Träume und den Traumglimmfaden, den ihr heute Nacht zusammen gesponnen habt. Daraus bereitet einen Tee und gebt diesen Gibion zu trinken. Meine Schuppe wird den bösen Zauber von dem Wasser nehmen und der Traumglimmfaden wird ihm die Erinnerung zurückbringen.“

„Habt ihr das auch gehört?“ wollte Parodium von Rokina und Lulu wissen. Beide schüttelten mit dem Kopf, sie hatten nichts gehört, denn so konnten sich nur Drachen untereinander verständigen. Also wiederholte er die Worte von Lador für seine Freunde.

„Lass uns damit aber warten, bis wir Gibion und seine Hütte gefunden haben, damit der Tee auch frisch ist und seine ganze Heilkraft erhalten wirken kann.“ Sprach Lulu zu Rokina, die schon den Traumglimmfaden in einen Topf werfen wollte. „Ja, gut. Warten wir noch.“ Sagte Rokina.

Nach dem Frühstück brachen sie auf, weiter den Fluss entlang. Am späten Nachmittag diesen Tages sahen sie die Hütte und einen alten Mann, der am Fluss saß und angelte. Er sah die drei von weitem kommen. Gibion begrüßte sie sehr freundlich: „Hallo ihr Wanderer, seit gegrüßt. Ich freue mich wieder einmal jemanden hier zu sehen, es ist eine sehr einsame Gegend hier, verirren tut sich kaum jemand. Darf ich euch in meine Hütte einladen? Ich habe frisches Brot gebacken und gestern frischen Honig aus dem Wald geholt.“

„Danke sehr, natürlich werden wir ein wenig bleiben.“ Kam es den dreien wie aus einem Mund. Mit einer solchen Freundlichkeit war ihnen noch niemand auf ihrem Weg bisher begegnet.

„Ja, eine einsame Gegend ist das hier. Die meiste Zeit rede ich mit mir selbst, um überhaupt eine Stimme zu hören.“ Eine Traurigkeit schwang in der Stimme des alten Mannes mit. „Ich sitze hier seit Jahren und warte auf etwas, aber ich kann mich einfach nicht mehr daran erinnern, was es ist. Ich werde doch langsam alt. Alles vergesse ich.“

„Wir kennen deine Geschichte Gibion, wir werden sie dir erzählen. Vorher aber kochen wir dir einen besonderen Tee, er wird dir dabei helfen, das deine Erinnerung zurück kehrt.“ Sprach Parodium zu ihm, Lulu holte bereits das Wasser vom Fluss und Rokina packte ganz aufgeregt den dicken Traumglimmfaden aus.

„Das wollt ihr für mich tun?“ seine Augen sahen bei diesen Worten nicht mehr ganz so leer aus wie die ganze Zeit. Ein kleines Flackern konnte man darin erkennen. Der Drache nickte ihm zu und fing an, den Tee zu bereit: Ein Stück der Bernsteinschuppe für die Heilung, ein Stück des Traumglimmfadens für die Erinnerung, dann goss er das Wasser des Flusses darüber und kochte alles zusammen. Er gab Gibion eine Tasse von dem Tee und während er diesen trank erzählten ihm die drei seine Geschichte, wie sie diese von Zeralon hörten.

Mit jedem Schluck und jedem Wort kehrten die Erinnerungen zu Gibion zurück. Man sah es ihm an, seine Augen wurden wärmer und wärmer. Doch gleichzeitig stellte sich die Traurigkeit bei ihm ein. „Jetzt sitze ich hier so viele Jahre im Vergessen und wahrscheinlich nicht all zu weit weg liegt das Glück, dass ich gesucht hatte. Ob sie noch lebt?“ fragte er die drei.

Darauf konnten sie ihm aber keine Antwort geben. „Du solltest sie suchen. Wir geben dir von den Zutaten des Tees mit, dann kannst du ihr den kochen und sie wird sich auch erinnern können. Vielleicht hast du ja Glück und du findest sie. Du hast gesehen, wie er zubereitet wird.“ Parodium reichte ihm mit diesen Worten den Traumglimmfaden und ein Stück der Bernsteindrachenschuppe. Gibion holte seine Feldflasche vom Regal, um das Wasser des Flusses darin zu transportieren. Er spülte sie aus und heraus kullerte die gelbe Tränenperle von Zeralon. „Die hatte ich auch schon ganz vergessen, diese Perle fischte ich einmal mit aus dem Fluss. Ich hab sie hier rein getan, damit sie nicht verloren geht. Seht sie euch an, wie schön sie schimmert und wenn ihr sie anfasst müsst ihr unweigerlich lächeln.

Ich möchte sie euch schenken. Ihr habt so viel für mich getan, ihr wisst das glaub ich gar nicht. Mein Leben hat nun wieder einen Sinn gefunden.“

„Wir danken dir so sehr. Wir wollen dir nun noch eine Geschichte erzählen, die Geschichte dieser Perle, der gelben Perle der Freude, des Lichts und der Fröhlichkeit.“ Und der Drache erzählte ihm die Geschichte ihrer Suche.

„Ich bin glücklich darüber, euch auch geholfen zu haben.“ Lächelte sie Gibion an. „Nun mache ich mich aber auf meine Suche nach dem Mädchen vom Ufer des Flusses.“

Sie winkten Gibion hinterher, der sich im weichen Licht des Abendrots auf seinen Weg machte.

„Hoffentlich findet er sie.“ Rokina schniefte ein wenig.

Sie blieben noch eine Nacht im Schutze der Hütte am Ufer des Flusses und machten sich am nächsten Tag auf, um die grüne Perle der Wünsche und Hoffnungen im Osten zu suchen.

Der Weg in den Osten führte sie in die kalten Regionen des Landes. Ein eiskalter starker Wind schlug ihnen entgegen. Sie gaben sich gegenseitig so viel Schutz sie eben konnten, hüllten sich in Decken, um nicht zu erfrieren. Parodium benutzte nun oft sein Drachenfeuer, schmolz die Eisblöcke, die sie am Weg fanden, brachte das geschmolzene Wasser zum Kochen und bereitete heißen Tee aus Kräutern, die sie auf ihrem Weg gesammelt hatten. So wärmten sie sich auch ein wenig von innen auf.

So wanderten sie Tage lang auf dem Weg nach Osten und froren, der Weg schien kein Ende zu finden.

In der Nacht des 17 Tages erschien ihnen Zeralon, diesmal kündigte sich sein Kommen durch einen wärmenden Wind an, der sie für einige Zeit das Frieren vergessen ließ.

„Ihr habt es bald geschafft, der Weg endet in 4 Tagen im Eiswald. Dort im Eiswald werdet ihr einen riesig großen Eispalast sehen, dort wohnt Greta. Sie ist die Königin. In früheren Zeiten war diese hier ein warmes, grünes Land, bis Greta Königin wurde. Die Kälte ihres Herzen ist so stark, dass es sich auf die gesamte Umgebung ausbreitet. Sie kennt kein warmes Gefühl. Wenn sie jemanden berührt erstarrt dieser sofort zu Eis.

Alle ihre Untertanen haben sehr viel Angst vor ihr, denn sie benutzt diese Fähigkeit, um ihren Willen durch zu setzen. Wenn ihr jemand widerspricht berührt sie ihn und dieser erstarrt scheinbar für immer. Seit sehr vorsichtig mit ihr, kommt ihr nie zu nahe.

Sie ist auch im Besitz der der grünen Tränenperle. Diese ist das einzige, was ihr bisher nicht gelang, in Eis zu verwandeln. Sie versucht ständig, die Tränenperle in ihre Krone zu setzen, sie bleibt jedoch nicht dort und fällt von der Krone ab. Greta wird dadurch immer wütender und kälter, ihr selbst könnt es spüren, die Kälte hier im Land breitet sich immer weiter aus.

Wenn sie nur einmal die grüne Tränenperle mit bloßen Händen berühren würde, könnte sich der Zauber der Perle bei ihr ausbreiten. Der Zauber der Wünsche und Hoffnungen ist sehr stark und er würde ihr warme Gefühle schenken, somit wäre ihre Macht gebrochen. Greta trägt sowohl am Tage wie auch in der Nacht Glacehandschuhe, die einen direkten Kontakt mit der Perle verhindern.“

Der warme Wind verschwand und mit ihm Zeralon.

„Das ist ja furchtbar. Die Kälte breitet sich immer weiter aus, diese wird auch vor Grenzen nicht halt machen. Irgendwie müssen wir es schaffen, dass Greta die Perle berührt, sonst wird sich die ganze Welt in eine Eiswelt verwandeln.“ Sprach Parodium zu seinen beiden Begleitern. Sie waren sich einig, auch wenn keiner etwas sagte, dass sie es versuchen würden. Es musste eine Möglichkeit geben es zu schaffen, dass Greta die Perle ohne ihre Handschuhe berührte.

Je näher sie an den Eispalast kamen, desto öfter sahen sie zu einem Eisblock erstarrten Menschen, die Greta berührt hatte. Sie standen erstarrt in der Tätigkeit, welche sie gerade ausübten, da. Die drei Freunde sahen seilspringende Kinder, eine Frau, die gerade ihre Wäsche aufhängen wollte, einen Bauern, der sein Feld pflügte und noch viele, viele andere. Was mochten all diese Menschen wohl zu Greta gesagt haben, dass sie einen solchen Zorn entwickelte und sie in Eisblöcke verwandelt hat?

„Die Leute hier waren Greta bestimmt nur zu fröhlich. Sieh dir die Kinder an, was sollen sie schon beim Seilspringen anrichten, außer das sie vielleicht gelacht haben.“ Sagte Rokina den beiden.

„Ich glaube du hast Recht. Greta kann es wohl nicht ertragen, wenn sich jemand anderer wohl fühlt.“ Erwiderte Lulu.

„Mir ist eben was eingefallen, wie ich sie dazu bringen kann, ihre Handschuhe ab zu legen.“ Parodium grinste vor sich hin.

„Erzähl uns das.“ Riefen die beiden aufgeregt.

„Nein, das möchte ich nicht. Ich werde alleine zu ihr sprechen, denn wenn sie dann Zorn bekommt, wird sie nur mich berühren und nicht euch. Und falls diese passieren sollte, nehmt die Beine in die Hand und lauft so schnell ihr könnt.“

„Wir haben bisher alles zusammen überstanden, dann werden wir dich auch nicht alleine dort hin gehen lassen. Falls das passieren sollte, ist unser Weg sowieso zu Ende. Das weißt du genau so gut, wie wir das wissen.“ Widersprach ihm Lulu so heftig sie konnte. Der Drache nickte, ja, das wusste er, denn nur zusammen konnten sie die Kette knüpfen und den Menschen die Träume wiederbringen.

„Wir sind jetzt nur noch ein paar Stunden vom Eispalast entfernt. Kommt, wir pflücken für Greta einen Riesenstrauß von den Eisblumen hier, den wir ihr als Geschenk überreichen, dann haben wir auch einen Grund, sie sehen zu wollen. Ich glaube kaum, dass sie jemanden ohne Grund eine Audienz bei sich gibt.“ Schlug Rokina vor. Und so machten die drei sich dran, einen Eisblumenstrauß zu pflücken.

Greta hatte mit der Zeit alle bunten Blumen ihres Reiches zu Eisblumen werden lassen.

Mit einem Riesenstrauß Eisblumen erreichten die drei den Eispalast. Die Wachen versperrten ihnen den Weg, erst als sie von dem Geschenk für Greta sprachen wurden sie durch gelassen. „Na dann versucht mal euer Glück, auf dem Wagen, auf dem wir die Eisblöcke des Tages abtransportieren ist noch etwas Platz für euch.“ Rief ihnen einer der Wachmänner hinterher.

Parodium erwähnte nochmals auf dem Weg zum Thronsaal, dass seine Freunde nur ihn sprechen lassen sollten. Die beiden versprachen ihm das.

Im Eispalast begegneten ihnen nur hektisch umherlaufende Menschen mit niedergeschlagenen Augen, die Angst, die sie empfanden war zu spüren.

Dann sahen sie Greta auf ihrem Thron. Sie war eine sehr schöne Frau, ihr Gesicht schien aber wie eine Maske – starr und kalt ohne jede Regung.

Parodium machte einen weitern Schritt nach vorn, hielt den Eisblumenstrauß hoch und fing an mit Greta zu reden: „Ich grüße euch, Königin Greta. Wir sind drei Wanderer und hörten von euch. Wir möchten als erstes diesen wunderschönen Strauß Eisblumen euch als Geschenk überbringen und dann werde ich euch sagen, wie ihr euer Problem lösen könnt.“

„Sehe ich so aus, als ob ich Probleme hätte du kleiner Wicht?“ schlugen Parodium die Worte von Greta entgegen, sie sah aus, als würde sie sich gleich auf ihn stürzen wollen.

„Problem ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, verzeiht mir meine Königin. Ich hörte, ihr versucht eine Perle in eure Krone zu bekommen und es will einfach nicht gelingen.“

„Das stimmt, hat sich das herumgesprochen. Wenn ich herausfinde, wer hier hinter meinem Rücken über mich tratscht, den werde ich dann mal kurz umarmen und alle wissen ja, was dann passiert.“ Mit zornigen Augen blickte sie in die Runde ihrer Bediensteten, die schon vor Angst zitterten.

„Meine Königin, regt euch doch nicht gleich auf. Ich werde euch sagen, wie ihr eure kleine Miesere beseitigt.“ Versuchte sie Parodium etwas zu beschwichtigen.

„Nun sag es endlich und strapaziere nicht länger meine Geduld und verschwende nicht meine Zeit.“ Keifte sie ihm entgegen.

„Dann will ich mich mal beeilen.“ Parodium sprach ganz ruhig weiter und blickte Greta geradewegs in die Augen. „Wisst ihr, meine Königin, diese grüne Perle ist eine Drachenträne, ihr müsst sie mit euren Händen berühren und nicht mit Handschuhen, sobald ihr sie mit euren schutzlosen Händen berührt habt werden sich die Probleme anfangen zu lösen.“

„Ich hatte noch nie meine Handschuhe aus. Aber, seit Jahren probiere ich nun, die Perle in meine Krone zu setzen. Gut du Wicht, ich werde es versuchen, aber wehe dir, es geht nicht.“ Sie winkte einem ihrer Diener, der mit Windeseile eine Schatulle brachte, in der sich die grüne Drachenperle und die Krone der Königin befanden. Greta streifte einen ihrer Handschuhe ab, ihre sehr feingliedrigen Hände streckten sich der Perle entgegen. Einen Hauch von der Perle entfernt war ihre Hand, als sie noch einmal kurz inne hielt und den Drachen noch einmal anblitzte: „Wehe dir, wenn du mich angelogen hast!“ Dann nahm sie die Perle in ihre Hand.

Dann, der Hauch eines Augenblickes später, schien alles an ihr anders zu sein.

Jeder im Palast hörte das knisternde Knacken. Jedem war dieses Geräusch aus der Zeit bekannt, als Greta noch nicht Königin war. Es war das Geräusch von schmelzendem Eis, wenn der Frühling ins Land zurück kehrte und die Wärme brachte. Es war nun überall zu hören. Inzwischen umschloss Gretas gesamte Hand die Tränenperle und das Tauwetter hatte eingesetzt.

Die Untertanen der Königin sahen etwas, was sie noch nie gesehen hatten. Greta begann zu lächeln: „Ich wünschte mir, dieser Eisblumenstrauß wäre aus echten Blumen, in all den wundervollen Farben, wie sie früher zu sehen waren.“ Dies geschah dann auch, der Eisblumenstauss verwandelte sich in einen farbenfrohen bunten Frühlingstrauss. Gretas Eisherz war geschmolzen und der Zauber breitete sich aus.

„Parodium, sieh nur, das Eis der Wände verschwindet.“ Flüsterte ihm Lulu zu.

Königin Greta streifte nun auch ihren zweiten Handschuh ab und lief auf Parodium zu, mit weit ausgebreiteten Armen, sie wollte ihn umarmen. Alle hielten auf einmal den Atem an. Greta umarmte den Drachen, er erstarrte aber nicht. Jetzt wussten ihre Untertanen, dass sich die Zeiten ändern würden. Ein Seufzer der Erleichterung schien durch das ganze Königreich zu ziehen.

Greta ließ den Drachen wieder los. „Es ist auf einmal so anders hier, aber schöner. Diese Perle fühlt sich so schön warm an, ich hätte schon viel früher meine Handschuhe ausziehen sollen, wenn ich das nur eher gewusst hätte. Nun aber, da ich sie in den Händen gehalten habe möchte ich sie gar nicht mehr in meiner Krone haben. Irgendwo habe ich das Gefühl, dass sie dort nicht hin gehört. Ich weiß, dass sie einen anderen Zweck erfüllen soll, nur weiß ich leider nicht, welchen.“ Greta sah Parodium mit diesen Worten fragen an, als ob sie wüsste, dass er die Antwort kennt. Nun begann er, die Geschichte der Bestimmung der Perlenträne Greta zu erzählen. Als er geendet hatte sprach Greta zu ihm: „Ich möchte auch wissen, wie es ist zu Träumen. Ich kann mich nicht erinnern, es schon einmal getan zu haben. Du und deine beiden Freunde, nehmt die Perle und ich wünsche mir ganz fest, dass euer Weg erfolgreich ist und ihr uns die Träume zurückbringt.“

So erhielten sie die dritte der Perlen und noch viele anderer nützliche Geschenke von den Untertanen der Königin Greta, die ihnen so dankbar waren. Sie erhielten jede Menge zu Essen, Getränke, Bekleidung, auch Bilder, jemand schenkte ihnen auch etwas Geld, damit sie auf ihrem Weg auch einmal etwas kaufen konnten und nicht immer suchen mussten.

Je mehr Menschen im Land anfingen zu lächeln, desto schneller taute es.

Es gab an diesem Abend noch ein Abschiedsfest für die drei Freunde im Schloss, welches nicht länger ein Eisschloss war.

Nach einem erholsamen langen Schlaf machten sich die Drei nun auf, um in den Westen zu gehen und die blaue Tränenperle zu finden.

„Das war sehr schlau von dir Parodium. Du hast ihr nur die Wahrheit gesagt – ihre ganzen Schwierigkeiten würden sich lösen, wenn sie die Perle berührt.“ Bemerkte Lulu noch.

„Ja, ich weiß. Die Wahrheit zu sagen ist immer das Beste, auch wenn es manchmal schwer ist.“

Sie folgten nun dem Weg der untergehenden Sonne nach Westen. Wieder wanderten sie Tag um Tag gen Westen. Am zwölften Abend, stand die Sonne wie ein glühender Feuerball am abendlichen Horizont. „Es sieht so aus, als ob der ganze Himmel brennen würde.“ Sprach Lulu zu ihren Freunden.

Ein paar dicke bauschige Cumuluswolken standen am Himmel, die aussahen, wie orangerote Sahneberge. Die Drei starrten gleichzeitig einen diese Sahneberge an, der sich wirbelnd veränderte. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und aus dem orangeroten Sahneberg war ein glutroter riesiger Feuerball geworden, der auf sie zu raste. Größer und größer wurde er vor ihnen. Ein paar Meter vor den Freunden hielt er inne und begann sich zu entfalten, wie sich eine Blüte in der Morgensonne entfaltet, wenn sie die ersten Sonnenstrahlen trifft. In der Mitte dieser riesigen Feuerballblume stand er wieder, der ihnen schon vertraut gewordene erste Drache seiner Art – Zeralon. Irgendwie sah er anders aus, als bei ihren bisherigen Begegnungen. Er sprach auch nicht.

„Was ist mit dir, Zeralon?“ fragte Parodium den Drachen.

Zeralon schüttelte nur müde den Kopf. „Ich sehe es nicht genau. Ich weiß, dass ihr auf dem richtigen Weg seit, ich weiß, dass dieser Weg euch zu Julga führt. Ich weiß, dass er im Besitz der blauen Tränenperle von mir ist, aber ich kann die Perle nicht klar sehen. Bisher war es immer so, wenn ich euch erschienen bin, dass ich in der Nacht einen Perlentraum hatte, der euch eine Hilfestellung gab. In dieser Nacht jedoch endete der Traum, bevor ich die Perle klar und deutlich vor mir sah. Ich bin nun so ein alter und wahrscheinlich auch weiser Drache und ich dachte, mich kann nichts mehr erschrecken, aber dieser Traum hat mich etwas anderes gelehrt. Ich habe mich erschrocken und ich habe ein ungutes Gefühl in mir. Mit der blauen Perlenträne ist etwas nicht in Ordnung und weil das so ist, kann ich sie nicht erkennen. Dieses Mal kann ich euch keine große Hilfe sein, ihr seit auf euch alleine gestellt. Die blaue Perle zu finden und für euch zu gewinnen sollte eigentlich die leichteste der Aufgaben für euch sein, denn Julga ist ein sehr oberflächlicher Mensch. Ihr hättet sie ihm für ein paar Münzen, die ihr im Königreich von Greta geschenkt bekommen habt, abkaufen können. Ich brachte euch drei als erstes auf die schwierigen Wege und als letztes auf diesen nach Westen. Nun bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob das die richtige Entscheidung war. Versucht heraus zu finden, was mit der blauen Tränenperle passiert ist. Mehr kann ich euch nicht helfen, es tut mir leid. Ich kann sie vor meinem inneren Auge nicht mehr erkennen.“ Mit diesen Worten schloss die Feuerballblume ihre Blütenblätter, erhob sich und entschwand im Abendhimmel.

„Was mag da nur passiert sein?“ schockiert sah Rokina ihre beiden Freunde an.

„Ich weiß es nicht, lasst uns heute Nacht hier rasten und morgen den Weg fortsetzen. Ich glaube, wir sollten ausgeruht sein.“ Sprach Parodium und so taten sie es auch. Sie bereiteten sich schweigend ein Nachtlager, da keiner mehr in Lage war, ein Wort über die Lippen zu bringen. Jeder von ihnen stellte sich nur die eine Frage: Was ist nur passiert, dass Zeralon so erschrocken hat, dass er nicht mehr in der Lage ist, zu sehen?

Auch am nächsten Morgen sagte keiner ein Wort. Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Gegen Mittag durchquerten sie einen kleinen Wald und am Ende des Waldweges war ein Häuschen zu erkennen, auf das liefen die drei nun zu. Etwas war seltsam an dem Haus und je näher sie sich ihm näherten, desto klarer konnten sie es erkennen: Es war exakt in der Mitte geteilt und ein Spalt war sichtbar, der etwa einen Meter breit war. Vor jeder Haushälfte konnten sie einen Mann stehen sehen, als sie vor dem Haus standen staunten sie nicht schlecht, denn die beiden Männer sahen bis auf das letzte kleine Haar vollkommen gleich aus. Es waren Zwillinge.

„Guten Tag, das ist Rokina und Lulu, mich nennt man Parodium. Wir suchen einen Mann, der Julga heißt. Können sie uns da vielleicht helfen?“

„Immer bekommst nur du Besuch, aber das ist mir gerade egal.“ Kläffte der Mann vor der rechten Haushälfte, machte kehrt und ging in sein Haus zurück und versuchte die halbe Tür zu zuschlagen.

„Ich bin Julga, der andere ist Bulga, mein Zwillingsbruder. Kommt doch zu mir rein, dann könnt ihr mir ja sagen, warum ihr mich sucht.“ Klärte sie nun der Mann vor der linken Haushälfte auf und winkte sie herein. Im Haus drinnen angekommen staunten sie erst einmal.

„Ja, schaut euch nur um und wundert euch. Hier in der linken Haushälfte habe ich auch alles, von dem was ich mal besessen habe, nur die linke Hälfte, die rechte hat Bulga. Ich bin immer noch dabei, alles notdürftig wieder herzustellen, dass man es wenigstens gebrauchen kann. Gar nicht so einfach.“ Erklärte ihnen Julga.

Dann fiel es den dreien wie Schuppen von den Augen: Dann war hier auch nur die linke Hälfte der blauen Tränenperle. Sie standen da, ganz erstarrt, wie angewurzelt. „Was ist mit euch, ist ja nicht euer Problem.“ Klang es ganz beiläufig aus dem Mund von Julga.

„Was habt ihr nur getan?“ wollte Lulu wissen.

„Das erzähl ich euch doch, setzt euch, esst und trinkt was, es ist genügend da.“ Und so setzten sie sich an den halben Tisch, der jetzt an der Wand befestigt war und auf die zusammen gebastelten Stühle, die aus linken Stuhlhälften bestanden. „Also, mein Bruder Bulga hat vor etwas 15 Jahren beschlossen, zur See zu fahren. Vor zwei Monaten kehrte er zurück. Ich freute mich sehr darüber, endlich meinen Bruder wieder zu sehen. Es ist, wie wenn ich in den Spiegel schaue, mir mein Spiegelbild aber Antworten gibt. Wir hatten einander viel zu erzählen, denn in 15 Jahren ist so allerhand passiert.

Wir sprachen über unsere gemeinsame Kindheit, was er auf See alles erlebt hatte, was er alles gesehen hatte. Ich erzählte von den Nachbarn, die er auch kennt, was aus unseren Schulfreunden geworden ist usw. Es war eine sehr schöne Zeit. Doch vor etwa einer Woche fing er an, sich zu fragen, welchen Besitz er den überhaupt habe.

Er wurde neidisch auf mich, mein Haus, meinen Garten, ja überhaupt auf alles, was ich in meinem Besitz habe. Dann, vor zwei Tagen erinnerte er mich an ein Versprechen, dass wir uns als Kinder gaben, damals waren wir gerade mal 6 Jahre alt. Wir versprachen uns, immer alles zu teilen.

Da wir Zwillinge sind sollte der eine immer das gleiche haben, was der andere auch hat. Ich sagte ihm noch, dass wir eine Lösung finden würden, ich wollte ihm ja etwas geben, er aber bestand auf genau der Hälfte von allem. So machten wir uns also ans Werk. Wir zerschnitten, zersägten, zerrissen, zerklopften und teilten auf. Er von allem die rechte Hälfte, ich von allem die linke. Ihr seht ja selbst, was dabei heraus gekommen ist. Das Haus zogen wir mit den Pferden ein Stück aus einander, damit ja nicht irgendetwas von seinen rechten Hälften irgendwann zu mir kullern könnte. Das komische ist, dass mir zu Anfang unserer, ich will mal sagen, Zerstöraktion, denn was anderes ist es nicht gewesen, alles noch weh tat. Mein ganzes bisheriges Leben wurde in zwei Hälften gerissen. Als wir dann aber die blaue Perle teilten, die ich vor vielen Jahren bei der Jagd im Wald fand, und diese in zwei Hälften vor mir lag, ab dem Zeitpunkt war es mir egal. Es ist mir auch jetzt noch egal, mein Bruder ist mir egal, überhaupt alles.“

Die drei wussten sofort, warum Julga alles egal war. Er und sein Bruder hatten die blaue Tränenperle, die für die tiefe der Seele steht, entzweit.

Jetzt war ihnen auch klar, warum Zeralon sie nicht mehr klar erkennen konnte. Die beiden Hälften waren zu weit von einander entfernt.

„Wo ist denn deine Hälfte der Perle?“ fragte Parodium Julga noch immer ganz benommen vor Schreck. „Die liegt da hinten in dem Korb, wie alles das, mit dem ich nichts mehr Vernünftiges anfangen kann. Was interessiert euch überhaupt diese Perle? Wollt ihr die halbe haben? Nehmt sie euch, mir ist das eh egal.“

„Ja, wir suchen sie heraus und nehmen sie mit uns.“ Sprach Rokina und machte sich schon auf den Weg zum Korb. Sie fand sie gleich, die halbe Perle lag weit oben.

„Wenn ihr die andere auch noch braucht, Bulga gibt sie euch bestimmt, er hat auch so einen Korb. Er will ihn nur nicht rausstellen, weil er dann denkt, ich nehme mir was davon und hätte dann ein Stück mehr als er. Wartet, ich rufe mal rüber.“ Julga erhob sich, schritt zur Mitte des Hauses und rief in die einen Meter entfernte andere Hälfte: „Hey Bulga, die drei möchten gerne die halbe Perle mitnehmen, gibst du sie ihnen? Ich habe ihnen meine Hälfte geschenkt.“

„Ja, natürlich, denn sonst hätte ich ja etwas mehr als du und dann müsste ich die Hälfte nochmals halbieren, ich hab aber keine Lust mehr zu sägen, die beiden letzten Tage haben mir gereicht.“ Grummelte es aus der anderen Haushälfte. „Einer von ihnen soll halt rüber kommen und sie im Korb suchen. Was weg ist, ist weg, ist ja auch egal.“

Lulu machte sich gleich auf den Weg in die andere Haushälfte, um die Perle zu suchen. Kurze Zeit später war sie mit dem anderen Teil wieder bei den Freunden.

„Wollt ihr über Nacht hier bleiben? Hier habt ihr genau so viel frische Luft, wie wenn ihr draußen schlafen würdet.“ Lachte Julga ihnen entgegen. Es war jedoch ein hohles Lachen. Ja, sie würden die Nacht bleiben, der Schock über das Geschehene sass allen tief in den Knochen. Sie sahen sich nur an und jeder wusste, was der andere dachte: Was nun? Das war die Frage, die sie beschäftigte.

Nach einer sehr unruhigen Nacht verließen Parodium, Lulu und Rokina die beiden Brüder. Und endlich sprach Lulu die Worte aus: „Was nun?“

„Im Moment weiß ich keinen Rat. Lasst uns zurück zum Kristallgebirge gehen, dahin, wo die alten Drachen warten.“

Und so machten sie sich auf den Rückweg, fast hoffnungslos, jedoch noch nicht ganz hoffnungslos. So lange sie sich noch die Frage stellten: Was nun? Hatten sie ihr Ziel noch nicht aufgegeben und sie suchten nach einer Lösung.

Sie gingen den gleichen Weg zurück, den sie genommen hatten.

Im Königreich von Greta war Frühlingsluft zu riechen. Die Bäume fingen an zu grünen, die Vögel zwitscherten und vom Eis und der Starre war nichts mehr zu sehen. Sie machten kurz Rast bei Greta und ihren Untertanen, die ihnen ihre Vorräte auffüllten und sie wiederum reichlich beschenkten. Greta und ihre Untertanen nahmen die Traurigkeit der Dreien aber nicht wahr. Das „Egal“ hielt langsam seinen Einzug auch hier im Königreich. Es war schon schlimm genug, dass die Menschen ihre Träume nicht mehr träumten, aber jetzt auch noch ihre anderen Gefühle zu verlieren, dass war ganz schlimm. Solange der Mensch noch etwas fühlt, solange ist auch Platz für ein gutes Gefühl. Wenn sich aber jetzt das „Egal“ breit machte, dann ist die Menschheit verloren.

 

Auf ihrem Weg trafen sie ebenfalls wieder auf Gibion und der Hütte am Fluss der vergessenen Träume. Er hatte die Frau gefunden und ihr von dem Tee gekocht. Der böse Zauberer war schon ein paar Jahre tot und sie lebte alleine in seinem Haus. Als sie trank, erkannte sie in Gibion den jungen Mann ihrer früheren Träume und folgte ihm. Beiden schienen doch glücklich zu sein. Die drei Freunde wollten ein paar Tage bei den beiden verweilen, um genügen Kraft zu schöpfen für den Rest ihres Rückweges. Am dritten Morgen jedoch bemerkten sie eine Veränderung an Gibion und seiner Frau. Sie sprachen nicht miteinander, wie sie es die Tage zuvor beim Frühstück getan hatten. „Ihr seit heute aber schweigsam.“ Sage Lulu zu den beiden.

„Ob wir nun reden oder schweigen, was ist da für ein Unterschied? Meinst du nicht, dass es egal ist? Wir sind nun beide alt und haben schon genug im Leben geredet.“ Erwiderte Gibion.

„Wir werden heute noch aufbrechen.“ Mit diesen Worten erhob sich Parodium und machte sich daran, ihre Sachen zu packen, Lulu und Rokina folgten ihm. „Du hast es auf einmal so eilig.“ Bemerkte Lulu.

„Merkst du nicht, dass wir das Egal schneller durch das Land tragen? Es liegt daran, dass wir die geteilte Perle mit uns tragen. Wenn wir sie da gelassen hätten, wäre es nicht so schnell vorangeschritten.“ Als er das sagte, kam ein starker Wind auf. Aus der Ferne sahen die drei eine Windhose auf sich zu kommen. Sie wussten schon, dass es nur Zeralon sein konnte, denn die Windhose glühte in schillernden Farben.

„Ein Teil von mir ist entzweit.“ Waren seine ersten Worte. „Helfen kann ich euch nicht, ich sehe nur verschwommen. Ich sehe immer wieder drei verschiedene Wasser fließen, die sich in eins verwandeln. Ich kann nicht erkennen, was es genau ist. Ich weiß aber, dass die drei Wasser die Perle heilen können, wo sie aber zu finden sind, das sehe ich nicht. Es ist nicht in mir, es ist im Irgendwo.“ Und so schnell wie Zerlon erschienen war, so schnell war er auch wieder verschwunden und danach war es windstill.

„Ich weiß, dass wir diese drei Wasser finden. Auch wenn wir das Egal schneller ins Land tragen, uns kann es nichts anhaben. Ihr beide träumt noch, ich muss das am besten wissen, denn ich sammle die Traumglimmfäden der Nacht auf. Erst wenn ich keinen Traumglimmfaden mehr sammeln kann, dann fange ich mir an Sorgen zu machen. Ihr wisst ja, ohne diese Fäden wird es mich dann auch nicht mehr geben.“ Rokina versuchte die beiden damit auf zu muntern.

Es gelang ihr auch, sie hatte Recht – es war noch nicht zu spät. Sie setzten sich wieder in Bewegung. Lulu fragte die beiden anderen noch, ob sie wohl glaubten, dass sie auch wieder Karlodorn über den Weg liefen. Bisher hatten sie alle wieder getroffen, denen sie auf ihrem Weg begegnet waren. Es wäre schön ihn wieder zu sehen, da waren sie sich einig.

Noch ehe sie Karlodorn Hütte sahen, rochen sie den modrigen Geruch vom Sumpf der verlorenen Seelen. Der Tag neigte sich schon dem Ende zu und in der Ferne sahen sie ein Licht brennen, darauf gingen sie zu.

An der Hütte angekommen, klopften sie an die Tür, jedoch nicht Karlodorn öffnete, sondern ein junger Mann.

„Hallo, wir sind Bekannte von Karlodorn, wir wollten ihn besuchen. Ist er denn da?“ stellte sich Parodium dem fremden jungen Mann vor.

„Hier könnt ihr Karlodorn leider nicht mehr besuchen. Aber kommt doch erst einmal herein, dann werde ich euch erzählen, was sich zu getragen hat.“ So kehrten sie in die Hütte zurück.

„Er hat mich auf der Straße aufgegabelt, ich war nahe dem Verhungern. Karlodorn hat mich aufgepäppelt, gab mir Nahrung, Kleidung, Wärme. Er sagte immer, ich sähe aus, wie sein jüngster Sohn, den er verloren hatte. Karlodorn fragte mich, ob ich mit ihm in seine Hütte zurückkehren wollte und bei ihm Leben. So geschah es dann auch. Wir arbeiteten zusammen auf dem Feld, erzählten uns abends unsere Geschichte. Dann, vor vier Tagen, wollte er morgens nicht aufstehen. Ich ließ ihn im Bett, er ist ja ein alter Mann gewesen und wir haben viel gearbeitet und schwer gearbeitet in den letzten Tagen, also ging ich alleine zum Feld. Ich kam abends zurück und er lag immer noch da. Gesagt hat er nicht viel. Das ging zwei Tage so. Ich fragte ihn immer wieder, was denn los sei. Er schüttelte mit dem Kopf und sagte: nichts. Vorgestern Abend kam ich wieder vom Feld heim. Er saß hier am Tisch und wartete auf mich. Mir wurde schon mulmig bei seinem Blick, den er in den Augen hatte.

Er sagte dann zu mir: Ich werde morgen nicht mehr aufstehen. Ich habe mein Leben gelebt. Jetzt weiß ich auch, dass du da bist. Du bist mir ein Sohn geworden, in der kurzen Zeit, die wir uns kannten. Mein Körper kann nicht mehr, ich habe schon zu lange gelebt. Die letzten beiden Tage habe ich noch mit mir gekämpft, aber nun habe ich meinen Frieden gefunden.

Ich wollte dich noch einmal sehen und mit dir reden, damit ich dir sagen kann, wie lieb ich dich gewonnen habe.

Wir weinten beide, denn ich wusste, dass er am morgen nicht mehr aufstehen würde. Er ahnte es. Ich habe ihn an seiner Lieblingsstelle im Garten begraben. Heute ist schon so dunkel. Wenn ihr Abschied von ihm nehmen wollt, dann morgen.“

Parodium, Lulu und Rokina waren sehr traurig darüber, dass sie Karlodorn nicht noch einmal sahen. Sie saßen sich am Tisch gegenüber und alle drei hatten Tränen in den Augen. Als sie sich gegenseitig anblicken, flossen die Tränen wie Gebirgsbäche aus ihnen heraus, auf den Tisch und es bildete sich eine kleine Pfütze.

Erst sahen die drei das gar nicht, dann aber sagte Schalo, so hieß der junge Mann: „Seht mal, eure Tränen, wenn sie zusammenfließen fangen sie an zu wirbeln und zu glühen.“

„Ich hole die Perle.“ Rief Rokina ganz aufgeregt. Da waren sie, die drei Wasser. Tränen eines Drachen, Tränen eines Menschen und Tränen einer Fee. Rokina legte die Perlenhälften vorsichtig in die kleine Pfütze aus Tränen, die da schillerte. Alle warteten gespannt, was nun passieren würde.

Die Tränenpfütze benetzte die Perle und die Flüssigkeit begann langsam zu verdampfen. Ein schillernd schimmernder Dampf umschloss die Perle, so dass man sie nicht mehr sehen konnte. Der Dampf verflüchtigte sich und zurück blieb eine Perle. Ein wundervolles Wunder war geschehen, sie war wieder ganz.

„Karlodorn erzählte mir von euch und eurer Suche. Ich dachte erst, als ich euch sah, ihr wüsstet schon vom Tode Karlodorn, weil ihr alle so traurig ausgesehen habt. Ihr wart aber traurig wegen der geteilten Perle. Ich hab euch mit der Botschaft von Karlodorns Tod noch trauriger gemacht.“

„Ja so ist es. Aber du siehst, es hat auch Gutes. Jetzt sind wir doch alle drei wieder voller Hoffnung, auch wenn wir noch um ihn trauern.“ Sprach Parodium zu Schalo. Glück und Unglück liegen sehr oft ganz nahe bei einander und nach jedem Ende beginnt einen neuen Anfang, solange man daran glaubt.

Die drei hatten seit langem endlich mal wieder ruhig schlafen können und waren am morgen erfrischt und munter. Sie besuchten das Grab und legten dort eine Rose nieder und nahmen Abschied von dem alten Mann, der ihnen die erste Perle schenkte.

Sie standen noch eine ganze Weile an dem Grab.

Die Luft fing an zu flimmern. Es sah so aus, als ob die inzwischen hoch am Mittagshimmel stehende Sonne regnen würde. Es bildeten sich helle Lichttropfen überall. Dort, wo die Tropfen am dichtesten flimmerten erschien erneut Zeralon.

„Ich habe es gesehen, was passierte. Die blaue Tränenperle ist geheilt. Ihr zusammen habt es geschafft. Nun ist der Weg zurück zum Kristallgebirge nicht mehr so schwer, auch wenn er noch lang ist. Die Drachen warten schon auf euch, ich war bei ihnen und habe ihnen die frohe Kunde überbracht, dass ihr die vier Perlen bei euch tragt.“ Nach diesen Worten löste sich Zeralon wieder in flimmernden Sonnenregen auf und verschwand.

„Ihr werdet mir fehlen, auch wenn ich euch drei erst nur kurze Zeit kenne.“ Schalon sah traurig aus, da er wusste, sie würden aufbrechen, um an ihr Ziel zu gelangen.

„Wir werden uns wieder sehen, ganz bestimmt.“ Sagte Lulu zu ihm. „Und stell dir mal vor, an dem Morgen, wo du aufstehst und etwas geträumt hast, dann weißt du auch, dass wir unser Ziel erreicht haben.“

Da lächelte er, er hatte verstanden.

Sie führten ihren Weg nun fort. Dieses Mal mussten sie wieder durch den Sumpf der verlorenen Seelen.

„Oh oh“ hörten sie Rokina rufen. „Ihr habt zwar geträumt, doch auch wiederum nicht so viel, dass wir uns einen Schutzschirm weben könnten, und nun?“

Parodium sah so aus, als wüsste er jetzt keinen Rat.

„Wisst ihr, wir sind jetzt so weit gekommen und wenn ich genauso viel Hoffnung in euch tragt, wie ich es im Moment tue, dann kann das Wasser, auch wenn es uns berührt, nichts anhaben, denn wir sind stark genug.“ Kamen die aufmunternden Worte von Lulu. „Also, lasst uns etwas singen, etwas fröhliches, und wir marschieren da einfach durch.“

„Du wirst Recht haben, tun wir das.“ Nickte Parodium. Und so stimmte jeder ein Lied an, das die beiden anderen jeweils mitsangen. So wanderten sie singen, mal pfeifend und summend durch den Sumpf der verlorenen Seelen und das Wasser blieb ganz ruhig neben ihnen. Keine aufsteigende Blase war zu sehen. Ja, gemeinsam waren sie stark genug, dass wussten sie.

Die drei glaubten an das Gleiche und hofften das Selbe. Die Menschen würden wieder träumen können, ganz sicher. Die Drachen kehren zurück zu den Menschen und es würde wieder ganz viele Feen geben.

„Kuckt mal, da ist der See, wo ich euch das erste Mal traf.“ Rief Rokina aus. So waren sie schon durch den Sumpf der verlorenen Seelen gekommen. Ihr Weg schien langsam ein Ende zu finden. Die drei waren sich bewusst, obwohl sie sich ja noch nicht lange kannten, das sie für immer verbunden sein.

„Ich dachte gerade an unsere Verbundenheit“, kam es aus dem Mund von Lulu, die beiden schauten sie an und nickten zustimmend. „Und dabei kam mir in den Sinn, wir sollen doch eine Kette aus den Perlen knoten, wir haben ja keine Schnur.“

„Mit den Traumglimmfäden wird das nicht gehen, die sind nicht fest genug, um durch die Perlenmitte zu dringen.“ Offenbarte ihnen Rokina.

„Daran dachte ich noch gar nicht.“ Parodium machte bei diesen Worten ein komisches Gesicht, wie konnte er das nur vergessen. „Wenn wir im Kristallbebirge sind, werden die alten Drachen schon einen Rat wissen, da bin ich mir sicher.“ Lulu und Rokina glaubten seinen Worten ohne Zweifel, so wird es auch sein.

So wischten die drei diesen Gedanken erst einmal wieder beiseite.

Damit ihnen der Rückweg nicht lang wurde, erzählten sie sich Geschichten aus ihrem bisherigen Leben. Manche waren lustig und sie lachten, manche waren traurig und sie weinten. Die Zeit verging ihnen so wie im Fluge. Sie ruhten Nachts und wanderten am Morgen weiter auf ihrem Weg.

„Der Pfad hier kommt mir so anders vor als auf dem Hinweg. Er ist viel ebener und breiter.“ Sagte Parodium zu Lulu, Rokina kannte den Weg ins Kristallgebirge ja nicht, als sie den Weg beschritten wussten sie noch nicht wirklich, dass es Rokina gab.

„Vielleicht irrst du dich, es gab keine Abzweigung, der wir hätten folgen können.“ Wollte ihn Lulu beruhigen.

„Das ist es ja gerade, was mir Sorgen bereitet. Als wir hier zum letzten Mal waren, hatten wir eine Wahl zwischen einem breiten, ebenen, schönen Weg und einem hoppelig und stoppeligen. Hier gibt es nirgendwo diese Abzweigung, ich glaube, wir hätten diese schon längst erreichen müssen.“ Lulu stimmte ihm zu, er hatte Recht. Etwas Seltsames schien vorzugehen, doch benennen konnten sie es noch nicht. Sie gingen diesen Weg weiter, in der Hoffnung, doch noch auf die Kreuzung zu kommen, die sie in Richtung Kristallgebirge bringen würde.

Sie suchten immer wieder den Himmel ab, ob nicht Zeralon erscheinen würde, aber er blieb fern. Kein Lichtgewitter, keine Glutwolke, nichts, noch nicht mal Mond und Sterne waren am Himmel mehr sichtbar.

Ihnen wurde bange. Etwas stimmte hier nicht, bloß was?

„Lasst uns doch ein Nachtlager aufschlagen und uns ausruhen, es ist bestimmt nur so, dass wir zu lange gewandert sind und uns die Müdigkeit einen Streich spielt.“ Rokina glaubte nicht wirklich an das, was sie da eben sagte, sie wollte nur ihre Freunde etwas damit an Mut zurückgeben, den sie langsam schwinden sah.

Sie verbrachten eine unruhige Nacht, mit fast nichts zu träumen. Parodium träumte von einer Nebelwand, durch die er nicht klar hindurch sehen konnte, Lulu hingegen träumte von einer Mauer, vor der sie stand, die keine Tür oder Tor hatte, die sie entlang lief, hinter sich den feuchten Nebel spürend. Für beide war es ein Alptraum und keiner dieser schönen Träume, wo Traumglimmfäden gesponnen werden. Der Faden, den Rokina an diesem Morgen in der Hand hatte war ein langer schwarzer, so etwas hatte selbst die kleine Fee bisher noch nie gesehen. Sie steckte ihn schnell in ihre Tasche, bevor Lulu und Parodium erwachten. Sie wollte nicht, dass die beiden sich Gedanken darum machten.

An diesem Morgen erzählte keiner seinen Traum der Nacht, sie wollten nicht die anderen beunruhigen.

Schweigend setzten sie nun ihren Weg fort. Nichts war mehr zu spüren von der Fröhlichkeit der Lieder, die sie noch vor kurzem sangen und summten. In jedem der Köpfe hallte es nur: Was ist hier nur los?

Und dann zog der Nebel auf.

Urplötzlich aus dem Nichts war er da, der Nebel. Sie konnten einander nicht mehr sehen, so dicht war er. „Wir nehmen uns an den Händen.“ Rief Parodium aus. So konnten sie sich wenigsten fühlen, wenn sie sich schon nicht sehen konnten.

„Diesmal gehe ich voraus durch den Nebel.“ Sprach Lulu. Rokina an der Hand und Rokina an der Hand von Parodium.

So versuchten sie sich langsam vor zu tasten. Man sah die Hand vor Augen nicht mehr. Lulu machte einen Schritt nach vorn. Kaum setzte sie ihren Fuß auf den Boden passierte es. Der Boden glitt mit ihr ein Stück nach vorne, so schnell, das sie die Hand von Rokina loslassen musste, um ihr nicht weh zu tun durch den Ruck, den sie verspürte. Lulu sah auf, und stand vor dieser Mauer, die sie im Traum sah. Sie drehte sich um, und versuchte in den Nebel zu blicken, aber ihre Freunde waren nirgendwo zu sehen.

Rokina erschrak furchtbar, als sie das Rucken spürte, versuchte aber Lulus Hand nicht loszulassen, vergebens. Der Ruck war einfach zu stark.

„Lulu!!!“ rief sie in den Nebel. „Parodium, Lulu ist weg.“ Auch er dachte an seinen Traum der Nacht.

„Lass uns weiter nach vorne gehen, wir werden sie schon finden. Bleib du aber ganz dicht bei mir, ich passe schon auf, das ich dich nicht trete.“ Und so schritten die beiden im Gänsemarsch weiter voran durch die Nebelwand.

Lulu lief vorsichtig an dieser Mauer entlang. Keine Tür und kein Tor, wie sie es geträumt hatte.

„Suchst du etwas?“ klang da eine süße Stimme aus dem Nebel zu ihr durch. „Hallo, mein Name ist Clarissa, komm zu mir.“ Und Lulu schritt auf die Stimme zu: „Ich heiße Lulu.“ Sprach sie in den Nebel hinein.

„Ich weiß, ich beobachte dich schon die ganze Zeit, schon sehr lange.“ Sprach Clarissa in der feinsten Stimme, die Lulu bisher gehört hatte. „Komm zu mir herein, dann erzähle ich es dir.“

„Hier ist keine Tür, ich kann weder dich sehen, noch eine Öffnung in der Mauer.“ Entgegnete ihr Lulu.

„Du kuckst nur nicht richtig hin, hier sind überall Türen in der Mauer, du willst sie bloß nicht sehen. Strecke die Hand aus, du stehst vor einer Öffnung in der Mauer, probiere es aus.“

Lulu streckte ihre Hand aus und tatsächlich, die Mauer schien durchsichtig zu sein. Sie schritt durch diese Öffnung, dann sah sie Clarissa. Sie nahm eine wunderschöne Frau mit langen braunen Haaren in einem weißen Kleid wahr. Sie sah so freundlich und gütig aus, das Lulu ihr ohne Bedenken weiter durch die Mauer folgte. Kaum war sie durch die Öffnung getreten und hatte Clarissa erblickt, lichtete sich der Nebel, blauer Himmel und Sonnenschein war zu sehen. Die Mauern waren hoch zu beiden Seiten, doch der Weg breit und eben, leicht zu beschreiten. Clarissa ging voraus, es war noch ein langer Gang. Nach geraumer Zeit befanden sie sich in einem Schlosshof. „Hier wohne ich, leiste mir ein wenig Gesellschaft.“ Clarissa winkte sie herbei und Lulu ging mit ihr in das Schloss hinein. Clarissa machte die Tür hinter sich zu.

Rokina und Parodium hörten einen lauten Knall. Er war gewaltig, wie wenn eine tonnenschwere Tür fest ins Schloss geschlagen wird. „Wo kam das her?“ fragte Rokina.

„Wenn mich meine Sinne nicht täuschen, dann kam das von da vorne links. Ich glaube, es hat was mit Lulu zu tun. Wir gehen da hin.“ Sprach der Drache zu ihr.

Nur zwei Schritte weiter war der Nebel wie durch Geisterhand verschwunden und eine dunkle, hohe, bedrohliche Mauer war zu sehen. Von ihr rankten Schlingplanzen und graues Moos, rostiges Wasser schoss in Sturzbächen herab. Es war ein Ort, an dem man sich richtig unwohl fühlen konnte.

„Wir sind zusammen, hab keine Angst Rokina.“ Sie lächelte ihn etwas gezwungen an, denn sie wusste, dass ihm auch mulmig war, er es ihr gegenüber aber nur nicht zugeben wollte. „Sieh mal, da sind Fußspuren im Schlamm. Das könnten Lulus sein. Wie es aussieht, ist noch jemand bei ihr, siehst du Rokina, nebenan sind noch welche.“ Sie schritten näher, um besser sehen zu können – und es stockte ihnen der Atem.

Die anderen Fußspuren waren sehr groß und in den Abdrücken konnten sie Krallen entdecken. Auf was war Lulu da nur gestoßen? Und sie hatten beide furchtbare Angst.

„Wir gehen trotzdem weiter, oder Parodium? Lulu braucht uns.“ Der Drache nickte ihr zu und ging voraus, den Fußspuren folgend, die Mauer entlang.

Die beiden Fußspuren bogen urplötzlich ab und liefen direkt in die Mauer hinein. Parodium stutze, dann packte er seinen Mut zusammen und stürmte auf die Wand. Rokina glaubte, sie sieht nicht richtig, aber der Drache stand neben der Mauer – eine Öffnung war gefunden, die vorher nicht da war.

Auch sie sahen die langen Gänge und die Fußspuren, denen sie weiter folgen würden. Wenn sie aufsahen, dann wirkten die Wände sehr erdrückend auf die beiden. Es war ein sehr unheimlicher Ort an dem sie sich nun befanden. Keiner der beiden sprach es aus, aber beide dachten: Was ist mit Lulu?

Sie waren in einem Labyrinth. So viele Winkel und Ecken, Abzweigungen, die sie sahen, welche in Sackgassen führten. Sie folgten aber den Fußspuren, diese würden sie zu Lulu führen.

Alsbald fingen sie an, schneller zu laufen, dann zu rennen. So einen weiten Weg hatten sie schon in diesem Labyrinth beschritten, es schien jedoch kein Ende zu nehmen. So lange wie sie nun schon gelaufen waren, so lange war Lulu noch nicht verschwunden. Die Zeit zog sich endlos hin.

„Wir laufen glaube ich im Kreis.“ Parodium verstand sie erst gar nicht. „Schau nur, da sind nicht mehr nur die Fußspuren, denen wir folgten, nun sind auch noch unsere eigenen da.“ Er sah es, er war wie vor den Kopf geschlagen.

Er schloss die Augen und holte ganz tief Luft, um besser nachdenken zu können. Er presste die Drachenschuppen, die er immer bei sich hatte, ganz fest an sich und rief innerlich nach Hilfe.

Da hörte er die Stimme Hebions, dem Bewahrer der Empfindsamkeit in seinem inneren Ohr.

„Verlasse dich auf dein Drachenfeuer, es wird dir den Weg weisen.“

Der Drache holte noch einmal richtig tief Luft und dann sah Rokina etwas, was sie noch nie zuvor erlebt hatte.

Aus Parodiums Mund schoss ein gewaltiger, voluminöser Feuerball heraus und verbrannte alles, was sich ihm in den Weg stellte. Die Schlingpflanzen und das Moos lösten sich binnen Sekunden in Asche auf, das rostige Wasser verdampfte und von ihm blieb nichts übrig, außer die Spur an den Wänden.

Als die Asche aufgehört hatte zu regnen, war da, wo vorher verschlungene Pflanzen waren, ein neuer Durchgang zu sehen, der direkt in einen Schlosshof führte.

Sie sahen ein sehr düsteres Gebäude, dessen Fenster so erleuchtet waren, wie die roten Augen eines Dämons in der bereits eingebrochenen Nacht.

Und plötzlich schallte Lulus Lachen durch die Nacht, die beiden waren erst sehr erleichtert. Es hallte dann ein anderes Lachen durch die Nacht, es war unbeschreiblich – es ließ ihnen fast das Blut in den Adern gefrieren.

Lulu und Clarissa hatten viel Spaß an diesem Abend in ihrem Schloss. Sie spielten zusammen, aßen das, was Clarissa gekocht hatte. Es war einfach köstlich. Clarissa sang für Lulu mit ihrer süßen Stimme Lieder. Lulu fühlte sich bei ihr wohl, bei sich dachte sie: wie schön, eine Freundin wie Clarissa zu haben, ich kenne sie ja schon so lange und es war immer herrlich.

Lulu hatte vergessen, wo sie noch vor kurzem war, hatte vergessen, dass sie eine Fee namens Rokina und einen Drachen begleitete.

Clarissa war eine mächtige Magierin, die ihre Macht bei Lulu ausspielte. Endlich hatte sie es geschafft, sich einen Trank zu brauen, der ihrem Äußeren einen anderen Schein gab, als das, was sie wirklich war. Der Trank wirkte aber im Moment nur bei dem ersten Menschen, dem Clarissa begegnete, nachdem dieser ihn getrunken hatte. Für diesen Menschen war sie dann eine Gestalt, nach der sich dieser Mensch schon immer gesehnt hatte. Für Lulu war sie die große Schwester und beste Freundin. Das genialste an dem Trank war jedoch, sobald das erste Wort von Clarissa zu dem Menschen gesprochen hatte, dieser alles vergaß, was bisher geschehen war.

Clarissa war sehr einsam. In ihrer wirklichen Gestalt ist sie sehr Furcht einflößend. Sie hatte Krallenfüße und Hände, ihre Haut war grüngrau, wie das Moos an den Labyrinthwänden und warzenübersät. Ihre Augen leuchteten wie die Fenster ihres Schlosses rot in die Umgebung hinein. Sie hatte eine Stimme, die krächzend und ächzend war, Angst einflößend. Sie sah schrecklicher aus, als alles, was bisher ein Mensch vor die Augen bekommen hatte – und sie war schrecklich einsam dadurch. Jedem, dem sie begegnet, lief entweder schreiend davon so schnell er konnte oder fiel in eine tiefe Ohnmacht, von der er nicht mehr aufwachte. Seit Jahren braut sie an diesem Trank herum – nun schien er ihr geglückt zu sein. Sie hatte Lulu bei sich und für sie war Clarissa die schönste und freundlichste Frau auf dieser Erde.

Im Außenbereich des Schlosses schlichen sich Rokina und Parodium an die Fenster heran, um zu sehen, was dort drinnen vor sich ging.

Bei Clarissas Anblick bekamen sie unweigerlich eine Gänsehaut. Ein solches Wesen hatten sie noch nie gesehen.  Was sie noch sahen war, dass es Lulu anscheinend gut ginge. Sie sah wohl behalten, gesund und fröhlich aus, was beide bei diesem Anblick nicht ganz verstanden.

„Du, Parodium, das ist bestimmt eine Hexe. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zu gehen.“ Parodium nickte stumm.

Wieder hörte er eine Drachenstimme in seinem Kopf, diesmal war es Apagon, der Bewahrer des inneren Friedens: „Wenn du eins mit dir bist, dann kann sie dir nichts anhaben.“

Der Drache stutzte etwas. Eins mit sich selbst, das ist schwer, wenn man Angst hat und Zweifelt, ob das gut ausgeht.

Rokina spürte instinktiv, das etwas in dem Drachen vorging. „Du, hab doch keine Angst, ich glaube ganz fest an dich. Wenn ich das kann, dann du doch schon lange.“ Rokina wirkte so unbeschwert, dass Parodium lächeln musste, das erste Mal seit längerer Zeit wieder.

Feen schafften es mit ihrer so reinen und kindlichen Art, anderen Mut zu machen, wie sonst kein Wesen auf der Welt. Er war in diesem Augenblick sehr glücklich darüber, sie an seiner Seite zu wissen.

„Wie fröhlich Lulu doch aussieht. Sie sieht dieses Ding immer direkt an, nicht Rechts, nichts Links. Es muss ein mächtiger Zauber sein, der sie da gefangen hält.“ Murmelte Rokina vor sich hin.

„Du hast Recht. Nun glaube ich zu wissen, wie man den Bann brechen kann. Du bist so schlau Rokina!“

Die Fee wusste gar nicht, worauf Parodium da hinaus wollte. „Was meinst du damit?“ fragte sie dann doch noch.

„Wir müssen Lulu dazu bringen, hinter dieses Ding zu sehen. Sie scheint ihre Sinne mit etwas benebelt zu haben, vielleicht schaut Lulu deswegen immer direkt auf die Gestalt, die vor ihr steht, sie scheint wohl wundervoll zu sein. Einer der alten Drachen erzählte mir mal eine Geschichte, ich erinnere mich zwar nicht mehr genau, aber darin kam vor, das man zwar alles ändern kann an sich, aber der Schatten seiner Selbst zeigt die Wahrheit. Wenn Lulu nur mal auf den Boden sehen würde, dann könnte sie den Schatten dieser Gestalt sehen und erkennen, was sie wirklich ist.“ Erklärte ihr Parodium ganz still und leise, denn er hatte bedenken, wenn er lauter sprechen würde, er die Aufmerksamkeit von Clarissa auf sich lenken könnte. Sie saßen ja immer noch vor diesem Fenster.

Beide schraken auf, als sich die Gestalt von Clarissa plötzlich dem Fenster zuwendete – waren sie etwa entdeckt worden? Doch sie öffnete nur das Fenster ein Stückchen, Lulu hatte sie darum gebeten, etwas frische Nachtluft in das Zimmer zu lassen. Wieder hörten sie Lulu lachen, gemischt mit dem krächzenden Lachen von Clarissa. Das Lachen drang durch den Spalt des Fensters zu ihnen herab.

Kaum trafen diese Laute auf sie, da fing unvermittelt Rokinas Tasche an zu glühen, in dem sie die Traumglimmfäden bewahrte.

„Was ist denn jetzt los? Schau mal, meine Tasche, sie glüht.“ Rokina öffnete diese, es war der schwarze Traumglimmfaden, den Parodium und Lulu erschaffen hatten, als sie wieder einmal einen gemeinsamen Traum hatte, den Traum von der Begegnung mit Clarissa, jeder aus seiner Sicht. Bevor der Drache noch reagieren konnte, nahm die Fee den schwarzglühenden Faden aus ihrer Tasche und flog ganz leise und sacht, ja unbemerkt durch den Fensterspalt in das Zimmer hinein. Parodium hielt unweigerlich die Luft an. Was tat sie da nur?

Clarissa und Lulu waren so miteinander beschäftigt, das sie die Fee nicht bemerkten, wie sie in den Raum flatterte und auf den offenen Kamin zuflog. Sie warf den schwarzglühenden Traumglimmfaden in die Flammen hinein und flog unbemerkt wieder aus dem Fenster heraus.

„Was hast du da getan?“ wollte Parodium von ihr wissen.

„Ich kann es dir nicht genau sagen, aber als ich den Faden in der Hand hielt, da wusste ich, dass ich diesen verbrennen muss und das einzige Feuer, das ich sah, war das vom Kamin, also tat ich das, was ich tun musste.“ Sprach sie zu ihm und in diesem Augenblick geschah es.

Aus dem Kamin im Zimmer schossen Funken heraus, es sah aus, wie ein buntes Feuerwerk. Clarissa drehte sich um, damit sie sehen konnte, was da vor sich ginge. Für den Bruchteil eines Augenblicks verlor sie den Augenkontakt zu Lulu und diese Blickte ebenfalls in Richtung Kamin, neugierig, was da wohl passieren würde. Als Lulu an Clarissa vorbei sah, stockte ihr der Atem. Auf dem Boden war ihr Schatten zu sehen. Lulu erkannte den alptraumhaften Schatten ihrer scheinbaren Freundin. Sie riss ihre Augen auf und schaute auf Clarissa, die sich ihr in ihrer wahren Gestalt nun offenbarte. Ein großer Schauer des Unbehagens und der Angst durchfloss Lulu für einen Augenblick, doch dann wusste sie, sie durfte sich nichts anmerken lassen, sonst war sie verloren. Clarissa bemerkte nicht, was in Lulu vorging, denn sie war so fest von ihrer Macht überzeugt, das sie gar nicht auf die Idee kam, jemand oder etwas könnte diesen Bann brechen.

„Was war denn das eben?“ hörte Lulu sie nun mit ihrer wahren Stimme sprechen und sie schauderte leicht.

„Ich weiß nicht, es ist doch auch gleich, es sah schön aus. Erzähl weiter Clarissa.“ Säuselte Lulu ihr zu. Sie wunderte sich über sich selbst, dass sie in der Lage war, sich so zu verstellen. Sie wusste auch, dass es unbedingt notwendig war. Beim nächsten unbemerkten Blick an Clarissa vorbei erkannte sie die Silhouetten von dem Drachen und der Fee vor dem Fenster und hoffte, dass sie die Einzige war, die sie sah. Clarissa durfte sie nicht sehen. Augenblicklich erinnerte sich Lulu wieder an ihre beiden Freunde, an alles was passiert war, Clarissas Bann war gebrochen.

Vor dem Fenster beobachteten die beiden, was drinnen passiert war. Ihnen war beiden so, als ob sie erkennen konnten, das Lulu den Schatten gesehen hatte und kurz darauf blickte sie auch wieder in Richtung Fenster und sah aus, als ob sie kurz ein erkennendes Lächeln auf den Lippen hätte.

„Clarissa, ich bin so müde, lasse uns schlafen gehen.“ Hörten sie Lulu sagen. Nun kannten sie auch ihren Namen. Sie schauten zu, wie Clarissa Lulu in ein Nebenzimmer brachte, sie dort ins Bett legte und wartete, bis sie eingeschlafen war. Clarissa verließ so leise wie möglich das Zimmer und begab sich auch zur Ruhe, nichts verdächtiges ahnend schlief sie sofort ein, sie hatte einen wirklich anstrengenden Tag hinter sich. Das Aufrechterhalten eines Scheins kostet viel Kraft, Kraft, die sie im Schlafe wieder auftanken würde.

Lulu wartete noch eine ganze Weile, dann dröhnte ein lautes Schnarchen durch das Haus – das war Clarissa, sie schnarchte einem Erdbeben gleich.

Lulu schlich aus dem Bett in Richtung Fenster und öffnete dieses. Da sah sie ihre Freunde auf dem Boden kauern. „Ich habe sie gesehen, wie sie wirklich ist. Ich komme zu euch raus.“ Mit diesen Worten stand sie schon auf dem Fensterbrett und krabbelte aus diesem heraus zu ihren Freunden, begleitet durch das überlaute Schnarchen von Clarissa. Solange sie das hörten, waren sie noch in Sicherheit.

Die drei nahmen ihre Beine in die Hand und liefen so schnell sie konnten von diesem Haus mit den rotglühenden Augenfenstern weg. Das Schnarchen hörten sie immer noch, es wurde immer leiser in der Ferne. Je weiter sie von dem Haus davonrannten, desto bekannter kam ihnen die Straße vor, auf der sie sich befanden.

Am Morgen, als Clarissa aufwachte, bereitete sie Frühstück für sich und Lulu, wollte sie dann wecken, fand aber nur das leere Bett und das offene Fenster vor. Sie wusste nicht, was geschehen war, doch sie wusste, sie hatte die Macht über Lulu verloren. Was war nur schief gelaufen? Und so sehr sie auch vor Wut kochte, eines war ihr bewusst, sie würde nie wieder Macht über Lulu gewinnen, irgendwie war es gelungen, dass sie Clarissa in ihrer wahren Gestalt sah und wer einmal die Wahrheit erkannt hatte, den konnte man so leicht nicht wieder benebeln. Clarissa machte sich mit Enttäuschung über das Geschehene wieder an ihre Arbeit, einen neuen Trank zu brauen und ein neues Opfer zu finden.

Ganz außer Atmen ließen sich die drei ins Gras fallen. Nun waren sie weit genug gerannt. Sie wussten auch, das Clarissa sie nicht verfolgen würde. Über die drei hatte sie keine Macht mehr.

Nun waren sich die drei sicher, sie waren wieder auf dem Weg, der ins Kristallgebirge führte. Sie standen an der Kreuzung, sie sie bisher vermisst hatten. Wie Clarissa es geschafft hatte, die drei von ihrem Weg abzubringen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Auf dieser Kreuzung stehend sahen sie in Richtung des breiten Weges. In der Ferne konnten sie erkennen, dass etwas auf sie zukam. Es sah aus, wie eine schimmernde Windhose. Sie hatten ein Lächeln auf den Lippen, denn ein solches Schimmern konnte nur bedeuten, das Zeralon ihnen endlich einmal wieder erscheinen würde.

„Ich hatte versucht, euch zu warnen, aber etwas hielt mich ab. Dieses Etwas wurde gestärkt durch den Stolz, den ihr in euch getragen habt. Es war die Art von Stolz, die an Hochmut grenzt. Für einen Augenblick nur habt ihr zur gleichen Zeit diesen Hochmut in euch getragen: Besitzer der vier Perlen!

Gedanken können gefährlich sein, etwas herauf beschwören, wie ihr ja am eigenen Leib gespürt habt. Stolz ist ein gutes Gefühl, jedoch die Grenze zum Hochmut ist hauchdünn und die habt ihr überschritten. Mir gelang es nicht, trotz meiner Macht, euch von diesem Pfade abzubringen. Ihr habt aber daraus gelernt, das sehe ich. Nur gemeinsam seid ihr stark. Verlasst euch weiterhin aufeinander.

Ihr wisst inzwischen auch, dass ihr ein Band braucht, um die Perlen zur Kette zu knüpfen. Ein Band, welches die Kraft und die Macht besitzt, die Perlen zu einer Einheit zu knüpfen. Nur das Band von Shalila ist dazu in der Lage.

Shalila ist eine gute Zauberin, sie wohnt fernab von den Menschen. Sie ist auch jemand, der die alten Drachengeschichten kennt, als die Menschen und die Drachen noch zusammen lebten. Sie bewahrt sie bei sich, wie einen großen Schatz. Wenn sie diese Geschichten erzählt, dann werden daraus Fäden gesponnen, ähnlich den Traumglimmfäden, welche ihr erzeugt, wenn ihr träumt. Diese Geschichtenfäden vermischen Menschen- und Drachengeschichten. Shalila knotet aus diesen Geschichtenfäden schon seit Jahren ein Band, sie weiß, für was es nütze ist. Geht zu ihr, ihr findet sie etwa fünf Tagesmärsche südlich der großen Stadt, auf die ihr trefft, wenn ihr diesem breiten Wege folgt. Sie wird euch erkennen, wenn ihr bei ihr seit.

Gebt auf euch Acht, die Stadt ist nicht ungefährlich. Menschen fürchten sich vor Drachen und Feen haben sie auch schon sehr lange keine mehr gesehen.“

Schon löste Zeralon sich wieder auf und entschwand.

„Dann auf zur großen Stadt und danach gen Süden.“ Forderte Parodium seine Freunde auf. Sie sprachen nicht mehr das an, was Zeralon ihnen über Hochmut gesagt hatte, denn sie erkannten, dass er Recht hatte. Jeder von ihnen hatte für einen Augenblick den Hochmut gespürt, da würde leugnen auch nicht helfen. Gut und Böse liegen so oft so dicht nebeneinander, dass man die Grenze selbst nicht zu erkennen vermag.

„Wir sollten dich verkleiden Parodium. Ich sagte dir schon einmal, dass die Menschen hier in der Stadt dich bestimmt als Bedrohung ansehen werden, weil du ein Drache bist.“ Lulu klang sorgvoll.

„Das ist einen gute Idee, am besten verkleiden wir dich als Pony und spannen dich vor unseren Handwagen.“ Rokina hatte manchmal wirklich die einfachsten und besten Einfälle. Sie hatten noch ein paar der Münzen, die sie bei Greta erhalten hatten. Mit diesen Münzen ging Lulu alleine in die Stadt auf den Markt und kaufte ein paar Decken, Farbe, Garne und ein Pferdegeschirr und kehrte zu ihren Freunden zurück. Sie nähten aus den Decken ein Ponykostüm, kämmten die Fasern aus, so dass sie ein Fell aussahen und färbten diese. Parodium sah zwar etwas seltsam aus, aber er würde schon als unförmiges Pony durchgehen, so genau schauten die Menschen ja nicht hin und ein Mädchen mit einem Handwagen, der von einem etwas seltsamen Pony gezogen wurde, würde nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Rokina würde sich im Handwagen verstecken, bis sie wieder aus der Stadt heraus waren – so war ihr Plan. Aber erst einmal wollten sie noch eine Nacht schlafen, bevor sie sich auf den Weg durch die Stadt machten.

Am Morgen zog der Drache das neue Kostüm über und Lulu und Rokina nähten es am Bauch zu, so dass man die Naht nicht erkennen konnte. Sie machten noch ein paar Scherze, Parodium versuchte auch ein Wiehern zu imitieren, was ihm recht gut gelang. Sie waren zuversichtlich, es würde funktionieren, unerkannt durch die Stadt zu gelangen.

In der Stadt angelangt machten sie sich zügig dran, die Hauptstraße zu überqueren und auf die Straße zu gelangen, sie sie in Richtung Süden führte.

Kein Mensch schenkte ihnen Beachtung, alle liefen hektisch, ihrem Tagesgeschehen nachgehend, umher. Keiner zeigte Interesse an einem kleinen Mädchen und ihrem unförmigen Pony.  So wurde ihnen die Oberflächlichkeit für kurze Zeit ein Freund, weil niemand mehr hinter Fassaden blicken wollte, um Verborgenes ans Licht zu bringen. Menschenmassen stürmten an ihnen vorbei, ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Doch ihre Aufmerksamkeit ließ nicht nach. Lulu beobachtete alles ganz genau, was um sie herum geschah, führte den verkleideten Drachen zielstrebig am Pferdegeschirr die Straße lang und Rokina blieb still und leise, ja fast schon steif, in ihrem Versteck im Handwagen liegen.

Schritt um Schritt näherten sie sich den Stadtmauern im Süden und würden unerkannt aus der Stadt gelangen.

Dann setzte der Regen ein. Parodiums Kostüm war im nu aufgeweicht, die Farbe wurde heraus gewaschen, die gekämmten Fasern drohten mit dem schweren Nass zu zerreißen. Nach wenigen schnellen Schritten geschah dies dann auch und das Kostüm fiel herab und der Drache stand ohne Schutz vor den Augen der Menge. Auf einmal standen sie im Mittelpunkt. Viele der Menschen fingen an zu schreien, die Soldaten standen unvermittelt vor ihnen und bedrohten sie mit ihren Waffen. Rokina in ihrem Versteck bekam von dem Geschehen nichts mit, sie hörte nur die schrillen Schreie der Menschen und wusste, dass etwas passiert war. Sie entschloss sich jedoch dazu, nicht aus ihrem Versteck zu kommen, was auch besser war, denn wenn Menschen gleich mit zwei unbekannten Dingen konfrontiert wurden, dann würden sie nicht mehr wissen, was sie tun.

Lulu stand stocksteif und geschockt da, konnte sich nicht bewegen. Parodium überlegte kurz, was nun, dann stellte er sich auf, holte tief Luft und sprach: „Wenn ihr uns den Weg versperrt, werde ich mein Drachenfeuer sprühen lassen und zwar so schnell, das ihr keine Chance habt, etwas dagegen zu tun. Drachenhaut ist so dick, dass keine eurer Schusswaffen sie durchdringen kann. Macht sofort den Weg frei und lasst uns ziehen!“ er schrie es der Menge entgegen. Sie wich zurück. Angst ist ein machtvolles Instrument. Der Drache wusste, dass es falsch ist, jemandem Angst zu machen, um seinen Willen durch zusetzten, aber er wusste sich keinen Rat mehr. Er pustete seine Wangen auf, so als wollte er jeden Moment sein Drachenfeuer auf diese Menschen richten. Sie wichen weiter und weiter zurück und machten ihnen so den Weg frei. Zügig, jedoch ohne Hast gingen sie durch die Menge hindurch, in Richtung Süden, zum Tor der Stadt hinaus, angstvoll beobachtet von vielen, vielen Augen, die um ihr Leben bangten. Kaum waren sie durch das geöffnete Tor hindurch, schlug dieses krachend ins Schloss und sperrte sie so aus der Stadt aus. Die Menschenmenge war erleichtert, die vermeintliche Gefahr, die vom Drachenfeuer ausging, ausgeschlossen zu haben. Die drei Freunde entfernten sich schnell von der Stadt und hofften, dass die Menschen dort noch eine Weile ihre Erleichterung und Zufriedenheit fühlen und sie nicht verfolgen würden.

Denn noch, die Freunde waren auf der Hut, drehten sich ständig um und hielten Ausschau nach Verfolgern. Es kamen keine.

Erst am dritten Tage machte sich auch bei ihnen Erleichterung breit – keine Verfolger. Die Menschen gingen wohl wieder in ihrer Hektik auf.

„Ich wusste mir nicht anders zu helfen.“ Parodium wollte es seinen Freunden erklären, Lulu entgegnete ihm: „Du hast das getan, was du für Richtig gehalten hast und das war gut so. Es hätte keine andere Möglichkeit gegeben in diesem Moment. Wir beide machen dir bestimmt keine Vorwürfe deshalb. Wenn wir getrennt worden wären hätte sich das Schicksal der Drachen und Menschen erledigt. Nun hat es eine weitere Chance bekommen. Solange man noch Chancen sieht und sie nutzt ist nichts verloren. Hätten wir uns etwa einfach aufgeben sollen? Nein, auf keinen Fall. Du hast es nicht für dich alleine getan, sondern für alle.“ Somit beruhigte Lulu Parodium wieder, sie wussten auch alle, dass der Drache nie jemanden verbrennen würde, eher würde er sich selbst opfern. Sie vertrauten ihm absolut und dass er mit der Angst und der Unwissenheit der Menschen gespielt hatte war ihm verziehen.

Nun waren es noch wenige Stunden, bis sie Shalila treffen sollten und das Band erhielten.

Die Zeit war vorüber, die Zeralon ihnen voraussagte, um an das Haus von Shalila zu gelangen. Da sahen sie es auch schon. Es sah recht gemütlich aus von Außen. An der Tür nahmen sie einen Zettel wahr, darauf stand: „Bin gleich zurück, Wanderer tritt ein und mache es dir gemütlich.“

Natürlich folgten sie dieser Aufforderung. Es war von innen so gemütlich, wie es schon von Außen den Anschein hatte. So warteten sie auf Shalila in ihrem Haus.

Ein Tag verging, der zweite, der dritte. Am vierten fragte Rokina: „Was heißt denn gleich? Sofort? Bald? Irgendwann?“

„Ich kann dir nichts über die Zeitvorstellung von Shalila sagen, aber sie wird auftauchen, sicher.“ Parodium blickte die ungeduldige Rokina an und grinste. Nun waren sie schon so weit gekommen, da spielten ein paar Tage mehr oder weniger keine Rolle mehr.

Kaum war dieser Gedanke zu Ende gedacht, bewegte sich auch schon die Tür.

„Huch, hallo, wen haben wir denn da? Ihr habt meinen Zettel gefunden, fein. Ich war meine Kräuter ernten, das ist ein wenig entfernt von hier. Schön das ihr da seit, ich habe euch erwartet. Kuckt doch nicht so, mit mir spricht Zeralon auch.“ Sie lachte diese Worte förmlich heraus. „Das mit dem Band ist aber so eine Sache, da lange keiner mehr hier bei mir war, konnte ich keine Geschichten mehr erzählen. Damit aber das Band für seine Aufgaben lang genug und stark genug ist, da muss ich noch ein paar erzählen, aber ich denke, dagegen habt ihr überhaupt nichts.“

Die drei Freunde schüttelten den Kopf, nein, dagegen hatte sie nichts. Alle hörten sich gerne Geschichten an und so begann Shalila ihre Erzählungen und jedes Mal, wenn sie mit einer Geschichte das Ende erreicht hatte, erschien wie aus dem nichts auf ihren Haaren ein Geschichtenfaden, den sie von ihrem Kopf nahm und sofort anfing, in das bereits vorhandene Band, welches sie beim Geschichten erzählen auf dem Schoß liegen hatte, einzuarbeiten.

So gingen einige Wochen ins Land und immer wieder erzählte sie den dreien neue, aufregende Geschichten aus der vergangenen Zeit. Das Band wurde länger und stärker. Eines Abends, als sie ihre Geschichte beendet hatte und wieder einen Faden aus ihren Haaren nahm, sagte sie unvermittelt: „Nun ist es geschafft, hier, ich schenke es euch.“

Nun hatten die drei die Perlen und das Band. Nun würden sie sich auf die Rückkehr ins Kristallgebirge vorbereiten, um dort die Kette mit den alten Drachen zusammen zu knoten und damit das Schicksal der Drachen und Menschen wieder miteinander verknüpfen. 

 

Fortsetzung folgt

 

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© Christine Münzenberger

 

 
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